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Täuschung und Häufung

Jeder Tag bietet eine neue Aufregung; der gestrige brachte die Aberkennung eines Doktortitels. Die Beraubte ist prominent: Dr. Annette Schavan, einst Kultusministerin in Baden-Württemberg, derzeit (noch?) Bildungsministerin im Kabinett Merkel. Sie habe in ihrer Dissertation absichtlich und in gehäufter Weise „getäuscht“, sagt die Universität Düsseldorf.

Die Stuttgarter Zeitung benutzt in ihrem heutigen Kommentar (7.2.13) einen schulrechtlich falschen Vergleich. Wer bei einer Klassen- oder Prüfungsarbeit abschreibe, brauche sein Werk erst gar nicht mehr abzugeben, er bekomme – muss man wohl ergänzen – eh eine Sechs. Dem ist nicht so. Vielmehr hat der Prüfer/Lehrer abzuschätzen, in welchem Ausmaß getäuscht wurde und auf der Grundlage dieser Einschätzung Punkt- oder Notenabzüge vorzunehmen. Die Sechs ist die Ausnahme. Sie ist zu geben, wenn in großem Umfang und mehrfach getäuscht wurde.

Ist Schavan so eine Täuscherin gewesen? Der Schreiber dieses Blogs kann das nicht beurteilen, aber er weiß, wie es einst war, wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen. Da war eine Fähigkeit gefragt, die heute vergessen ist, das Exzerpieren. Bei der Vorbereitung musste man jene Stellen, die man als Zitate verwenden wollte, in Windeseile (Ausleihzeit begrenzt!) abschreiben, die bibliografischen Angaben und die Seitenzahlen korrekt notieren und durfte nicht vergessen, bei zusammenfassenden Notizen alle Anführungszeichen dort zu setzen, wo das Resümee auf Wörtliches zurückgriff. Dann kam das Zitat oder die zusammenfassende Formulierung möglichst unverändert ins handschriftliche Konzept der Arbeit. Dieses musste dann mit einer Schreibmaschine ins Reine übertragen werden. Wer da keine Fehler machte, war ein Übermensch.

Ich behaupte, dass man, würde man sie denn überprüfen, in allen Arbeiten jener Epoche gehäuft als „Täuschung“ zu Deutendes finden würde.