Kategorien
Gesellschaft Politik

Gescheiterte Wurmförderer

Gaspard Kœnig erzählt in seinem 2025 erschienenen Roman „Humus“ von Arthur und Kevin. Sie sind Studenten der Agrarwissenschaften und kommen aus unterschiedlichen Milieus. Arthurs entstammt der französischen Mittelschicht. Sein Vater ist Jurist. Kevins Eltern sind einfache Leute, ihr Leben lang unterwegs auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Die beiden jungen Männer begegnen sich bei einem Vortrag über Regenwürmer. Dieses Thema wird sie nie wieder loslassen. Sie werden Freunde, trotz ihrer Verschiedenheit. Arthur ist der Nachdenkliche; er beschäftigt sich mit den Gedanken bedeutender Philosophen. Kevin lässt sich eher treiben. Er hat ein anziehendes Äußeres, liebt Frauen und Männer, ist aber auch leicht zu beeinflussen. Nach dem Studium trennen sich die Wege der beiden. Arthur will ein ererbtes Stück Land renaturieren. Dabei sollen die Würmer eine wichtige Rolle spielen. Kevin wird von der hyperaktiven Philippine dazu gedrängt, die Umwandlung von Müll in Humus in großem Stil zu betreiben. Auch dabei sollen die Würmer die Hauptrolle spielen. Arthurs mühsame Versuche, sein Stück Land wieder zu beleben, misslingt: Der Boden ist nach den langen Jahren intensiver chemischer Düngung tot. Daraufhin radikalisiert sich Arthur. Er sieht in einer Revolution, bei der die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen zerstört werden, den einzigen Weg zu einer Neubelebung der Natur. Kevins Firma floriert zunächst, aber dann behindern allerlei technische Probleme die Entwicklung. Da entschließt sich Philippine, ohne Kevin zu informieren, den Müll illegal zu entsorgen. Kevin hat ein schlechtes Gewissen. Er übernimmt die Verantwortung, macht das Versagen seiner Firma öffentlich und stellt sich der fälligen juristischen Auseinandersetzung. Am Schluss treffen sich die beiden Freunde wieder. Arthur überlebt „seine“ Revolution nicht. Die gutgemeinten Pläne für eine neue, natürliche Welt sind gescheitert. Ein aufrüttelnder Roman, der die Probleme unserer Gegenwart radikal zu Ende denkt.

Kategorien
Energie Klima Politik

Geliebter Verbrenner

Es soll Menschen geben, die sich ein Auto nur mit einem Motor vorstellen können, der gut hörbar ist, weil im Viertaktsystem „Kraftstoff“ verbrannt wird. Die Zahl dieser Menschen ist in Deutschland hoch. Zwei Drittel aller Befragten haben sich jüngst den Demoskopen gegenüber so geäußert. Sie lehnen das von der EU beschlossene „Verbrenner-Aus“ für 2035 ab. Man darf annehmen, dass sie es auch für 2040 oder 2050 ablehnen. Sie sind mutmaßlich grundsätzlich dagegen, Autos anders zu denken, als sie es gewohnt sind. Der durch den CO2-Ausstoß der Autos beflügelte Klimawandel kratzt an dieser Haltung nicht. Gibt es diesen Wandel tatsächlich? Ist er nicht eine Erfindung grüner Dogmatiker? Die Europäische Union hat vor drei Jahren ein rigoroses Verbrenner-Aus beschlossen. Damals verschloss man sich den Wünschen, Ausnahmen zuzulassen. Man hielt das für Larifari. Jenen, die das wollten, begegnete man mit Hohn und Spott. Nun hat man das Aus doch noch „aufgeweicht“. Man will 2035 allerlei Ausnahmen zulassen, wohl auch Verbrenner-Autos, sofern sie aus „grünem Stahl“ gefertigt sind. Unsereins fragt sich, ob man dann überhaupt noch Stahl für Autos verwendet. Häckerling stellt sich vor, dass die EU ihr Auto-Gesetz alle drei Jahre ändern wird, zuletzt 2034. Vermutlich wird man dann die Jahreszahl „2035“ in „2045“ ändern. Dazu kommt die „feste Zusicherung“, man werde bis 2050 „klimaneutral“ sein. Dieses Adjektiv wird in einer neu eingefügten Fußnote folgendermaßen erläutert: Der Begriff „klimaneutral“ wird künftig nicht mehr auf Fahrzeuge angewendet, denn der Straßenverkehr ist im Sinne dieses Gesetzes „neutral“ und damit ohne Auswirkung auf das Klima.

Kategorien
Gesellschaft Krieg Politik Schule

Abgelehntes Dienen

Es gab einmal eine Zeit, in der einige Schülerinnen und Schüler den Schulstreik für das Klima ausriefen und dem Unterricht fernblieben. Das war ein Verstoß gegen die Anwesenheitspflicht. Die Schulleitungen haben das auch deutlich machen müssen. Aber man hatte Verständnis für dieses Engagement. Nun gibt es einen neuerlichen Schulstreik. Diesmal geht es um die Ablehnung der Wehrpflicht. Die ist zwar noch nicht eingeführt, könnte aber drohen, wenn sich zu wenig für den Freiwillige für die Armee melden. Während es beim Klimastreik um ein uneigennütziges Thema ging, die Sorge um die Zukunft unseres Planeten, steht beim Wehrpflichtstreik der Eigennutz im Vordergrund: die Freizeit. Man ist dagegen, dass „der Staat“ ein halbes Jahr der Lebenszeit in Anspruch nehmen will. Wehrdienst oder ein freiwilliges soziales Jahr kommen für sie nicht in Frage. „Ich zuerst“ ist ihre Maxime. Der Verfasser dieser Zeilen kann sich noch gut an die Zeit der Wehrpflicht erinnern. Wer den Wehrdienst verweigern wollte, musste vor einem mehrköpfigen Ausschuss seine Gründe darlegen. Das war die Voraussetzung für die „Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer“. Die Verweigerer mussten einen sozialen Dienst ableisten, der länger dauerte als der Wehrdienst. Es ging damals nicht um die Maximierung der Freizeit, sondern um die ethische Frage, ob das Führen eines Krieges mit Atomwaffen vertretbar sei. Wer sich damals gegen den Dienst in der Bundeswehr entschied, handelte nicht aus Eigennutz. Man „diente“ dennoch, wenn auch anders.