Man könnte an das täglich grüßende Murmeltier denken, wenn man die Berichte über den neuesten Bildungsbericht liest. Es hat sich nichts geändert. Die schulischen Leistungen sind wenig erhebend. Ein Viertel der Neuntklässler liegt unter dem Mindestlevel. Und es sind weiter die gleichen Herkünfte, die über das Bildungswohl des Kindes entscheiden. Die aus dem Milieu der Alleinerziehenden und der Migranten haben es besonders schwer. Ich weiß nicht, wie lange wir das schon wissen. Es heißt, die Kultusministerien würden sich anstrengen, aber dass sie sich Mühe gegeben haben, wird an keinerlei Erfolg messbar. Etwas bedeckt hält man sich mit der Ursachenforschung. Dass es in den Schulen immer schwieriger wird, gedeihliche Arbeitssituationen zu schaffen, wird nicht erwähnt. Es fehlt an der Erziehung und an der Bereitschaft der Kinder, sich anzustrengen. Woran das wohl liegt? Dazu kommt, dass der Zustand ihres sprachlichen Könnens beklagenswert ist. Viele sprechen nach der Kita-Zeit nur rudimentär Deutsch. Da fragt man sich schon, was in dieser wichtigen Phase an Sprachvermittlung geschehen ist. Offenbar wenig. Nun hat die Bundesbildungsministerin eine (uralte) Idee: Die Vierjährigen sollen einem verpflichtenden Sprachtest unterzogen werden. Man darf gespannt sein, ob sie das gegenüber den Ländern durchsetzen kann. Denn die müssten es machen. Es würde Geld und Personalressourcen benötigen. Aber die Länder gerieren sich gerne arm. Wenn der Bund nicht alles zahlt, wird es nichts mit dem Test. Nach seiner Durchführung wissen wir über den desolaten Sprachzustand der Kinder bestens Bescheid. Und was dann? Wie beheben wir die Defizite? Indem die Kitas das machen, wozu sie eh verpflichtet sind: die Kinder sprachlich zu fördern. Dann mal los!
Kategorie: Sprache
Blasphemisches Gerede
Nun, nachdem er im Iran-Krieg einen Waffenstillstand erzwungen hat, wird sich der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika noch mehr als Friedensfürst sehen, der den gleichnamigen Nobelpreis verdient hat, und leider auch als einen von Gott der Welt gesandten Retter, um das Wort „Messias“ zu vermeiden. Seine Sprache habe sich in den letzten Tagen immer mehr der alttestamentlichen Prophetie angenähert, urteilt die Zeitung heute. Überhaupt kommen ihm religiöse Begriffe immer leichter über die Lippen. Da stellt sich die Frage: Ist das alles nur propagandistisches Getöse oder glaubt der Amerikaner wirklich, was er da über sich und seine gottähnliche Rolle sagt? Häckerling hofft für uns alle, dass Ersteres zutrifft, denn religiöse Eiferer sind das Letzte, was die Welt braucht. Wenn das ganze Kriegsgetue nur seine Popularität und die Chancen bei den nächsten Wahlen erhöhen soll, kann man das irgendwie einordnen – ohne es zu billigen. Wenn sich hier aber einer allen Ernstes als einen von Gott Erwählten sieht, dann steht es schlecht um die Menschheit. Was ein von der „Vorsehung“ auserkorener „Führer“ anrichten kann, wissen wir Deutschen aus der eigenen Geschichte. Deuten wir also das blasphemische Gerede des US-Präsidenten als raffinierten Schachzug im Kampf um die Stimmen der amerikanischen Frommen. Dann besteht die Hoffnung, dass er nach einem Sieg bei den Herbstwahlen wieder „normaler“ wird. Wenn nicht er sich selbst, so werden ihm dann hoffentlich seine Beraterinnen und Berater einen Rest an Rationalität verordnen.
Deutsche Debatten
Die politisch notwendigen Reformdebatten verlaufen in Deutschland immer nach dem gleichen Schema: Jemand sagt etwas Kritisches und verwendet dabei ein provozierendes Wort, dann wird aus diesem Wort eine grundsätzliche und in der Regel unsoziale Haltung herausgelesen, die dann mit großer Entschiedenheit in Frage gestellt und notfalls diskriminiert wird. Ende der Debatte. Wir erinnern uns an Wörter wie „Stadtbild“ oder die Infragestellung der „Brandmauer“. Jetzt geht es um die „Life-Style-Teilzeit“. Sie wird als allgemeine Diffamierung der deutschen Arbeitnehmer gegeißelt. Man tut so, als hätten die Erfinder dieses Ausdrucks alle arbeitende Menschen der Faulheit bezichtigt. Das gehe nicht, heißt es. Und damit droht auch diese Debatte ein Ende zu finden. Dabei wäre sie nötig. Deutschland liegt, was die Inanspruchnahme von Teilzeit angeht, in der europäischen Spitzengruppe, während es bei der wöchentlichen Arbeitszeitz ziemlich weit hinten rangiert. Zwischen beidem besteht natürlich ein rechnerischer Zusammenhang. Aber statt sich nun Gedanken zu machen, wie man diese Situation, in der sich auch die deutsche Wirtschaftskrise spiegelt, sinnvoll verändert – z. B. Arbeit attraktiver macht, Frauenarbeit durch Ganztagsbetreuung leichter ermöglicht – erregt man sich über jenes Wort, das die Debatte erst angestoßen hat. Die deutsche Flucht vor der Grundsatzdebatte, der politische Eskapismus, der in Nebensächlichkeiten flüchtet, ist ein beeindruckendes Phänomen.