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Verwurstelte Sprache

Statt dass es sich um die wesentlichen Fragen der Zeit kümmert, ergeht sich das Europa-Parlament in semantischen Verrenkungen, offenbar angetrieben von der Lobby der Landwirte und des Fleischerhandwerks. Darf eine Wurst diesen Namen tragen, auch wenn nichts Geschlachtetes in ihr ist? Darf ein Schnitzel so heißen, wenn es mit anderen Rohstoffen geformt wurde als den Resten eines tierischen Leichnams? Oder ist ein Burger nur dann einer, wenn er Fleisch enthält? Bisher konnte man im Supermarkt an der sprachlichen Zugabe „vegetarisch“ erkennen, dass ein Produkt frei von tierischen Beimengungen ist. Wer nicht völlig blind durch die Regalreihen schritt, war in der Lage, die Fleischtheke von der Nicht-Fleischtheke zu unterscheiden. Aber offenbar halten die Abgeordneten in Brüssel die Menschen für blöd. Das Wort „Wurst“ ist sehr alt und drückt aus, dass man etwas in etwas hineindreht. Es gibt Menschen, die wursteln sich durchs Leben, ohne eine Wurst zu essen. Es gibt Hanswurste, vielleicht sogar im Europaparlament, die kaspern herum. Wenn mir etwas wurst ist, dann habe ich keine Wurst in der Hand, sondern verhalte mich gegenüber etwas gleichgültig. Die Benennung von Würsten ist mir nicht wurst. Ich will mir nicht vorschreiben lassen, dass ich nur als Fleischesser Würste konsumieren darf. Ich beharre auf der fleischlosen Wurst, denn das Wort verrät mir, welche Form das Nahrungsmittel hat, dass es nämlich irgendwie „verwurstet“ wurde. Dass ein Schnitzel nicht aus Holzschnitzeln, zum Beispiel Sägemehl, besteht, sondern entweder aus einem Tier herausgeschnitten wurde oder aus einem Tofustück, das weiß vermutlich jeder mündige Einkaufende. Und die unmündigen? Die sollen sich erkundigen.

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Uninformiertes Ministerium

Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Schulbesuch ist die Beherrschung der Landessprache. Das gilt grundsätzlich, also auch in Baden-Württemberg. Dort ist das Kultusministerium zuständig für das Deutschlernen der Kita-Kinder. Daher – denkt man als interessierter Laie – sollte besagtes Ministerium wissen wollen, wie es mit der Sprachvermittlung in den Einrichtungen für die frühkindliche Betreuung steht. Wie viele Sprachvermittlerinnen arbeiten in den Kitas? Wie lange beschäftigen sie sich pro Woche mit den Kindern, die von Haus aus der deutschen Sprache nicht mächtig sind? Wenn man das weiß, kann man politisch reagieren, also „nachsteuern“, will sagen: die Sprachvermittlerschar klüger verteilen oder vergrößern oder wenn nötig schulen. Der heutigen Tageszeitung ist zu entnehmen, dass dem Ministerium nicht bekannt ist, wie es in der Praxis mit der Sprachvermittlung in den Kitas steht. Es gibt keine Zahlen. Offenbart lebt man dort nach dem Grundsatz: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Wenn ich die Praxis nicht sehe, kann ich mich auf die Theorie beschränken, die da lautet: Es gibt Sprachvermittlung in den Kitas des Landes. Ob sie etwas taugt, ob sie ausreicht oder nicht, das will man höheren Orts offenbar nicht wissen. Bisher dachte Häckerling, dass die politisch Handelnden an einer Evaluation ihres Handelns interessiert sind. Falsch gedacht. Man lernt doch nie aus.