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35 Stunden

Die Krise bringt es an den Tag. Weil der Absatz an Autos rapide gesunken ist und damit auch der Gewinn, kommen die Bosse auf Einsparideen. VW will Mitarbeiter entlassen und Werke schließen, Mercedes fordert, dass mehr gearbeitet wird, und zwar ohne Gehaltserhöhung. Interessant ist dabei das Wörtchen „mehr“, denn man fragt sich, worauf es sich bezieht. In diesem Fall ist es die Zahl 35. Vor über 40 Jahren hat die IG-Metall in einem Arbeitskampf die 35-Stunden-Woche erstritten. Damals konnten wir uns das offensichtlich leisten. Der Wohlstand wuchs und wuchs, es wurde viele Autos und auch sonst jede Menge gekauft, die Unternehmen machten satte Gewinne. Nun haben sich die Zeiten geändert. Die deutsche Autoindustrie muss erleben, dass ihre Produkte auf dem Weltmarkt nicht mehr gefragt sind. Den Umstieg auf die ungeliebte E-Mobilität hat man lange hinausgezögert. Auch jetzt hoffen sie immer noch auf das Ende der „Klimahysterie“ und das fröhliche Weiterleben des Verbrenners. Aber leider tritt das Gewünschte (bisher) nicht ein. Also muss man sparen. Die 35-Stunden-Woche muss weg. Aber die Gewerkschaften halten an ihr mit Klauen und Zähnen fest. Unsereins fragt sich allerdings, ob sie gut daran tun. Als jemand, der (als Beamter) nie eine 35-Stunden-Woche hatte, sondern schon froh war, wenn er nicht mehr als 50 Stunden arbeiten musste, frage ich mich, ob das Privileg des 7-Stunden-Tages noch zeitgemäß ist. Die Woche hat 168 Stunden. Wenn man davon 56 schlafend zubringt, bleiben noch 112 übrig. Davon werden 35 mit Arbeit zugebracht und vielleicht fünf mit dem Weg dorthin. Dann bleiben noch 67 Stunden für die Freizeit, für die Familie, für Essen und Trinken, die Hobbys, das Daddeln, das Quatschen – oder den Nebenjob. Ziemlich üppig. Aber darf man das sagen? Der Kanzler hat sich getraut. Er bereut es.

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Gesellschaft Literatur Wirtschaft

Caroline Wahl

Die Schriftstellerin Caroline Wahl ist eine Meisterin der provozierenden Selbstvermarktung. Damit erhöht sie ihren Bekanntheitsgrad. Kritik an ihrem Medienrummel lässt sie an sich abperlen. „Falsche Bescheidenheit“ lehnt sie entschieden ab. Sie kann sich das leisten. Ihre ersten drei Romane waren Erfolge beim Publikum und haben sie wohlhabend gemacht. Der Reichtum wird nun noch weiterwachsen, denn dieser Tage erscheint ihr vierter Roman. Er wird sicher auch wieder ein Bestseller. Zeitgleich wird auch Wahls publizistisches Engagement für Mercedes-Benz publik gemacht werden. Diese Zusammenarbeit hatte sich abgezeichnet. Im ersten Wahl-Roman „22 Bahnen“ fährt eine der Hauptpersonen einen Mercedes der M-Klasse. Die Symbiose zwischen dem jungen Mann, einem erfolgreich in der IT-Branche Beschäftigten, und seinem Mercedes, ist innig. Damit hat sich Wahl wohl in die Herzen des Daimler-Managements geschrieben. Natürlich werden wir nicht erfahren, wie das publizistische Engagement zwischen der trendigen Autorin und dem schwächelnden Autohersteller honoriert wird. Aber lumpen werden sich die Autobauer nicht lassen. Es ist ein Joint-Venture, das beiden nützt. Die Autobauer geben sich eine kulturelle Noten, die Autorin ist in aller Munde. Das wird die Verkaufszahlen erhöhen. Manche wundern oder ärgern sich über diese Nähe der Literatur zur Autobranche. Aber ist das nicht kleinlich? Wahl liegt es fern, kritische Töne über den Kapitalismus oder die Klimaprobleme zu äußern. Da ist sie ganz entspannt. Fröhlich huldigt sie in ihren Büchern dem Zeitgeist. Die Schreibbranche hat Probleme, die Autobranche auch – was liegt näher, als sich gegen den negativen Trend zu beider Nutzen zu verbinden?

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Gewerkschaft Politik Wirtschaft

Angegriffene Industrie

Der Rüstungsindustrie geht es gut, der Autoindustrie nicht, liest man. Putin hat mit seinem Kriegsgebaren für eine Konjunktur der Waffenproduktion gesorgt. Trump, der nicht so recht weiß, was er eigentlich will, weiß zumindest eins: Er will nicht, dass die USA künftig Europa mitverteidigen. Das könnten sie wohl auch nicht, da es ihnen nicht einmal gelingt, mit dem Iran militärisch fertig zu werden. In dieser Situation ist es unausweichlich, dass man sich auf dem alten Kontinent auf alte Stärken besinnt und die Verteidigung selbst in die Hand nimmt. Der Rüstungsindustrie kann das nur recht sein. Sie boomt. Aber die Autobauer leiden und klagen. Gestern hat der VW-Chef vom radikalen Umbau seines Konzerns geredet. Es bedürfe besserer (schlankerer?) Strukturen. Die Beschäftigten müssten mehr arbeiten, wenn sie nicht entlassen werden wollen. Die Produktion soll deutlich billiger werden. Die in China gefertigten Volkswagen kosten nur ein Drittel dessen, was man hierzulande dafür zu bezahlen hat. Auch dauert ihre Entwicklung nur zwei Jahre, wo man hier sechs braucht. Heißt das, Deutschland soll von China lernen? Unvorstellbar. Erwartungsgemäß lehnt der VW-Betriebsrat die Sparpläne der Konzernleitung ab. Man werde heftigen Widerstand leisten. Man kann sich gut vorstellen, dass die das ernst meinen. Häckerling stellt sich vor, wie man wochen-, ja monatelang gegen die Sparprogramme streikt. Dem Management kann nichts Besseres passieren. Dann gibt es endlich einen triftigen Grund, Produktionsstandorte zu schließen. Die Arbeitslosen werden ja vom Staat bezahlt.