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Missglückte Einheit

Den 3. Oktober will man uns heute wieder als Tag der Freude verkaufen. Aber gibt es überhaupt einen Grund zur Freude. Eine Umfrage der ZEIT zeigt die tiefe Unzufriedenheit derer im Osten der Republik in zentralen Fragen: Uns geht es schlechter als denen im Westen, man hat uns abgehängt, man versteht uns nicht, nimmt unsere Sorgen nicht ernst. Der Osten versinkt immer tiefer in nationalistisches Denken. Das ist eine Gefahr für die ganze Republik, denn wenn die „deutschen“ Dumpfbacken die Regeln diktieren, geht es bald nicht nur den Muslimen, Flüchtlingen, Homosexuellen, Juden, Behinderten, sondern allen schlecht. Über viele Jahre hat man zig Milliarden in den Osten gepumpt, offenbar ohne jede Wirkung, zumindest nicht in den Köpfen. Zwar ist die durchschnittliche Rente im Osten höher als im Westen, weil man jede, auch noch so sinnlose Arbeit als rentenfähig anerkennt, aber es hält sich hartnäckig die Fama, im Westen seien die Renten höher. Immer deutlicher wird, dass es ein großer Fehler war, die Einheit so rasch zu vollziehen. Die DDR war 1989 zwar pleite, aber die meisten haben es damals noch nicht gemerkt. Das wenigstens, diesen Erkenntnisprozess, hätte man abwarten sollen. Es klingt brutal, aber die Legendenbildung, dass es im Sozialismus doch gar nicht so schlecht, wenn nicht besser war, hätte es schwerer gehabt, wenn die Bürger dieses furchtbaren Staates intensiver erfahren hätten, wie bankrott dieser Staat war.

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Der Osten und der Westen

Nun gibt es auch noch ein Ost-West-Gefälle zwischen den Schulen. Sachsen, Thüringen und die anderen „neuen“ Bundesländer stecken die „alten“ sowohl in der Mathematik als auch in den Naturwissenschaften schulisch in die Tasche. Nur Bayern kann einigermaßen mithalten. Als Erklärung dieses vom IQB nachgewiesenen Unterschieds bekommen wir den Hinweis, hier mache sich die hohe Qualität der einstigen DDR-Lehrer bemerkbar. Sie seien offenbar besser ausgebildet worden als unsere „West-Lehrer“. Überhaupt sei der Stellenwert von Mathematik und den Naturwissenschaft zu DDR-Zeiten deutlich höher gewesen als „bei uns“ (denen tief im Westen). Das habe sich nach den Wende zum Glück nicht geändert.

Das bedeutet konkret: Der Anteil der Stunden im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich ist in Sachsen deutlich höher als in den Schulen der westlichen Bundesländer. Dafür liegt er im sprachlichen Bereich niedriger – mit der Folge, dass die Ost-Schüler gegenüber denen im Westen in den sprachlichen Fertigkeiten deutlich abfallen.

Nun darf man Deutsch und Englisch nicht gegen Mathematik und Physik ausspielen. Beides ist wichtig. Aber vielleicht muss man hierzulande mal darüber nachdenken, ob man ohne schwerwiegende Folgen die (armen) Schüler immer mehr von Unterrichtsstunden entlasten kann. Mehr Unterricht schlägt sich offenbar in besseren Ergebnissen nieder.

Was in den Berichten über die IQB-Studie zu kurz kommt: Die Westländer haben eine deutlich höheren Anteil an Migranten als die im Osten. Die aber, die neuen Bürger, „sorgen“ leider dafür, dass die Ergebnisse schwächer sind. Könnte man mal – bei so viel mathematischer Kompetenz der Forscher ist das wohl möglich – die Vergleichszahlen unter der Annahme darstellen, dass alle Länder den gleichen Migranten-Anteil haben?

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Übertrieben – ständiges DDR-Gedenken

Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten war ohne Zweifel ein bedeutendes historisches Ereignis. Sich daran zu erinnern ist wichtig. Wir haben dafür sogar einen gesetzlichen Feiertag geschaffen, den 3. Oktober. Doch offenbar reicht der nicht; wir sollen der Einigung auch sonst regelmäßig gedenken. Nach fünf, nach zehn, nach 15 Jahren haben wir es getan und jetzt, nach 20 Jahren, tun wir es wieder. Und wie! Die Zeitungen überschlagen sich mit Ost-Geschichten; das Fernsehen deckt uns ebenfalls damit ein. Das alles ist nur noch mäßig spannend, denn wir hören vieles nicht zum ersten Mal. Und Verklärendes über das einstige kommunistische Regime zur Kenntnis nehmen zu müssen, ist für unsereins eher eine Zumutung.

Dennoch bekommen wir ehemals Westdeutschen ständig Vorwürfe. So lese ich im neuen Heft „Leben“ der ZEIT vom 5.11.09, dass wir uns zu wenig für die Menschen und die Geschichte der ehemaligen DDR interessieren. Deshalb würden die Ost-Bürger lieber schweigen. Das klingt beleidigt.

Man könnte natürlich als Retourkutsche fragen, ob sich der einstige DDR-Bürger für die Geschichten aus Baden und Württemberg interessiert oder für unsere trüben Erfahrungen mit Reisen in die „Zone“ oder für die wirtschaftlichen Folgen des Geldabflusses in Richtung Neue Länder? Um das Erste müht sich seit Jahren erfolglos eine Werbeagentur, vom Zweiten mag man nicht immer wieder erzählen und vom Dritten schweigen wir lieber.

Man sollte das Erinnern nicht übertreiben. Es gibt viele drängende gemeinsame Probleme, die der Lösung harren.
(Blog-Eintrag Nr. 105)