Die politisch notwendigen Reformdebatten verlaufen in Deutschland immer nach dem gleichen Schema: Jemand sagt etwas Kritisches und verwendet dabei ein provozierendes Wort, dann wird aus diesem Wort eine grundsätzliche und in der Regel unsoziale Haltung herausgelesen, die dann mit großer Entschiedenheit in Frage gestellt und notfalls diskriminiert wird. Ende der Debatte. Wir erinnern uns an Wörter wie „Stadtbild“ oder die Infragestellung der „Brandmauer“. Jetzt geht es um die „Life-Style-Teilzeit“. Sie wird als allgemeine Diffamierung der deutschen Arbeitnehmer gegeißelt. Man tut so, als hätten die Erfinder dieses Ausdrucks alle arbeitende Menschen der Faulheit bezichtigt. Das gehe nicht, heißt es. Und damit droht auch diese Debatte ein Ende zu finden. Dabei wäre sie nötig. Deutschland liegt, was die Inanspruchnahme von Teilzeit angeht, in der europäischen Spitzengruppe, während es bei der wöchentlichen Arbeitszeitz ziemlich weit hinten rangiert. Zwischen beidem besteht natürlich ein rechnerischer Zusammenhang. Aber statt sich nun Gedanken zu machen, wie man diese Situation, in der sich auch die deutsche Wirtschaftskrise spiegelt, sinnvoll verändert – z. B. Arbeit attraktiver macht, Frauenarbeit durch Ganztagsbetreuung leichter ermöglicht – erregt man sich über jenes Wort, das die Debatte erst angestoßen hat. Die deutsche Flucht vor der Grundsatzdebatte, der politische Eskapismus, der in Nebensächlichkeiten flüchtet, ist ein beeindruckendes Phänomen.
Kategorien