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Blasphemisches Gerede

Nun, nachdem er im Iran-Krieg einen Waffenstillstand erzwungen hat, wird sich der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika noch mehr als Friedensfürst sehen, der den gleichnamigen Nobelpreis verdient hat, und leider auch als einen von Gott der Welt gesandten Retter, um das Wort „Messias“ zu vermeiden. Seine Sprache habe sich in den letzten Tagen immer mehr der alttestamentlichen Prophetie angenähert, urteilt die Zeitung heute. Überhaupt kommen ihm religiöse Begriffe immer leichter über die Lippen. Da stellt sich die Frage: Ist das alles nur propagandistisches Getöse oder glaubt der Amerikaner wirklich, was er da über sich und seine gottähnliche Rolle sagt? Häckerling hofft für uns alle, dass Ersteres zutrifft, denn religiöse Eiferer sind das Letzte, was die Welt braucht. Wenn das ganze Kriegsgetue nur seine Popularität und die Chancen bei den nächsten Wahlen erhöhen soll, kann man das irgendwie einordnen – ohne es zu billigen. Wenn sich hier aber einer allen Ernstes als einen von Gott Erwählten sieht, dann steht es schlecht um die Menschheit. Was ein von der „Vorsehung“ auserkorener „Führer“ anrichten kann, wissen wir Deutschen aus der eigenen Geschichte. Deuten wir also das blasphemische Gerede des US-Präsidenten als raffinierten Schachzug im Kampf um die Stimmen der amerikanischen Frommen. Dann besteht die Hoffnung, dass er nach einem Sieg bei den Herbstwahlen wieder „normaler“ wird. Wenn nicht er sich selbst, so werden ihm dann hoffentlich seine Beraterinnen und Berater einen Rest an Rationalität verordnen.

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Gesellschaft

Gefährliche Religiöse

Wo man hinschaut, stiften Religiöse Unheil: In den USA haben fromme Fundamentalisten wesentlich zum Wahlsieg eines gewissen T beigetragen. Er hat ihnen die Heiligkeit der Ehe versprochen. den Kampf gegen die Abreibung und die Abschaffung der Diversität, also von Homosexuellen und Queeren, zugesagt und so ihre Herzen und Stimmen gewonnen. Im Islam stiften die Radikalen schon lange Unheil. Ihr Ziel ist so etwas wie eine Art muslimische Weltherrschaft. In Russland unterstützen die Orthodoxen den Führer P in seinen imperialen Träumen und ergo den Krieg gegen die Ukraine. Und der ungute Einfluss der religiösen Kräfte in Israel wird immer brutaler. Auch sie haben imperiale Wahnideen, wollen den Gaza-Streifen besiedeln und die Palästinenser vertreiben. Auch die West-Bank erweckt ihre Besitzgier. Warum ist das so? Warum könnte es auch in Deutschland so sein, dass die Frommen der AfD gewogen sind? Für diese These mangelt es noch an Untersuchungen des Wählerverhaltens. Fromme sind per se keine Demokraten. Sie glauben an die Allmacht Gottes und lehnen die Vielfalt der Meinungen ab. Nur sie haben recht, weil sie den Text der Bibel (des Korans) für das Gesetz halten und die Gesetze der Rechtsprechung für gefährlich. Sie bekämpfen die Freiheit der körperlichen Selbstbestimmung, lehnen Abtreibung, Homo-Ehe und Sterbehilfe ab. Sie sind intolerant gegenüber anderen Meinungen, weil nur ihre Auffassung die richtige sein kann. Es wird Zeit, dass wir die Schonung der orthodoxen, dogmatischen Religiösen beenden und uns mit ihnen verbal deutlicher auseinandersetzen.

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Digitale Wunschreligion

Der Plan in Tahmima Anams Roman „Unser Plan für die Welt“ (erschienen 2022 bei Hoffmann und Campe) besteht darin, die religiösen Bedürfnisse der Menschen zu stillen. Die App wendet sich nicht an jene, die fest in einer Religion verankert sind, sondern an die Suchenden, die Unentschlossenen. Manchen gefällt ein Brauch im Christentum und zugleich ein buddhistischer Kult. Sie finden im Islam Riten, die ihnen etwas bedeuten, und Gedanken und Bilder in der Kultur, die sie bewegen. Religion, Musik, Bildende Kunst oder Literatur, Philosophie oder Ethnologie liefern die Bausteine, die den Nutzern je nach Interesse digital „angeboten“ werden. Programmiert wurde das Ganze von Asha, die mit der Autorin ihre Herkunft aus Bengalen gemeinsam hat. Das „Material“ für den Algorithmus liefert Cyrus, ein belesener Charismatiker. Die beiden heiraten. Ihr Konzept hat großen Erfolg, ihre Ehe nicht. Offenbar treffen sie den Nerv jener Menschen, die sich nicht mehr mit dem Oberflächlichen der sozialen Medien zufrieden geben wollen. Aber als sie in ihr Projekt auch noch ein Programm aufnehmen, das eine Art „Kommunikation“ zwischen Lebenden und Toten ermöglicht, kommt es zu einer Katastrophe, die Ashas und Cyrus‘ Werk zu zerstören droht. Tahmima Anam hat in den USA studiert und lebt in Großbritannien. Sie erzählt flott und mit viel Humor. Zugleich stellt ihre Geschichte grundsätzliche Fragen zum Umgang mit der Religion und dem Tod in einer Zeit zunehmender Bedrohung. Die Erzählung endet 2020 mit dem Beginn der Pandemie, deren Auswirkungen die Autorin mit großer Skepsis entgegensieht. Anams literarische Stimme verdient Gehör.