Unstimmige Metapher 1: Talsohle

Krisen bringen ihre eigenen Sprachbilder hervor. Unsere derzeitige hat uns schon allerlei beschert, zum Beispiel das Schnüren von Paketen. Das hat einen hoffnungsvollen Klang; denn wer erhält nicht gerne ein Paket, vor allem dann, wenn es ein Geschenk enthält?

Da in Krisen nichts wichtiger ist als die Hoffnung, geht es nun darum, sie anschaulich zu machen. Dafür haben sich die sprachlichen Meinungsmacher die Talsohle ausgedacht. Die, so erfahren wir, sei in Sicht.

Unter einer Talsohle versteht man den „Boden“ eines Tales, also den Teil, der bei einem landschaftlichen Einschnitt ganz unten ist. Dort fließt auch der Bach, der das Tal ausgeschnitten und geformt hat. Allerdings bedeutet das: ein Tal ist nicht eben, sondern schief, es muss sich nach unten neigen, wie sonst könnte das Wasser fließen? Die Talsohle hat ein unterschiedliches Höhenniveau. Wenn sie also „in Sicht“ ist, an welchen Abschnitt sollen wir denken, den unteren oder den oberen, von dem aus es noch einige Zeit weiter abwärtsgeht?

Die andere Frage, die mich bei dieser Metapher bewegt, ist der Standort des Betrachters. Die Talsohle sieht man von oben am besten. Vom Berg aus kann man auf sie hinunterschauen. Von dort aber ist der Weg ins Tal oft noch recht weit. Die Talsohle in Sicht zu haben, sagt also leider nichts darüber aus, wann man sie nach einem langen und mühseligen Abstieg endlich erreicht haben wird.

Und so verwandelt sich das vermeintlich tröstliche Bild beim Blick auf unsere Krise in ein eher beängstigendes. Wir sehen offenbar aus der Ferne (schon!?) das Ende von ihrem Wachsen, aber wie weit es noch ist, bis sie ihren Höhepunkt, genauer: ihren Tiefpunkt, erreicht hat, bleibt ungesagt.

Was in meinen Augen aber noch schlimmer ist: Wer kann uns versprechen, dass „die Wirtschaft“, wenn sie denn schließlich „ganz unten“ in der Talsohle angekommen ist, wieder den Weg nach oben einschlägt?

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2 Kommentare zu Unstimmige Metapher 1: Talsohle

  1. Nana sagt:

    Ein weiteres Problem der Talsohle-Metapher ist, dass in Überschriften oft verkürzt wird, worauf sie sich bezieht: Was als „Talsohle des Wirtschaftsumsatzes“ gemeint ist, wird als „Talsohle der Wirtschaftskrise“ bezeichnet. Nimmt man dies wiederum wörtlich, veranschaulicht die Höhe die Größe der Krise. Das Erreichen der Talsohle (irgendwo über NN!) wird die Krise also nicht zum Verschwinden bringen, sondern nur minimieren. Und nach Verlassen der Talsohle wird die Krise wieder ansteigen.

    Es sei denn, es käme zu der im Artikel beschriebenen 90°-Wende flussabwärts, mit der allein die Krise irgendwann dauerhaft Normalhöhe Null erreichen könnte. Welche Konsequenz hätte solches Ziel für das „Wirtschaftswachstum“, ebenfalls eine Metapher, die hinterfragt werden sollte. Muss die Wirtschaft notwendig immer weiter wachsen? Jeder natürliche Wachstumsprozess hat seine Grenze oder kippt irgendwann ins Negative um (z.B von der Höhe in die Breite). Vielleicht würde durch Wachstumsbegrenzung auch das drohende Steigen des Meeresspiegels gemindert werden können?

    • haecker sagt:

      Das einzige Wachstum, was nicht ein natürliches Ende findet, weil die im Wachsenden angelegte Größe erreicht ist, ist das des Krebses. Er wuchert einfach weiter, bis er den Organismus, in dem er wachsen kann, zugrundegerichtet hat. Manchmal mutmaße ich, dass es mit dem Wirtschaftswachstum ähnlich ist. Aber in der aktuellen Krise ist ja nicht etwas gewachsen, sondern nichts, nicht das Geld wurde mehr, sondern das Gegenteil, der Mangel an Geld. Und irgendwann hat das zu einer Art Koma geführt. Unsere Hoffnung besteht jetzt darin, dass es ein Erwachen daraus gibt und dass dann eine Art Gesundungsprozess in Gang kommt. Aber dazu müssten die Krebswucherungen an weiterem Wachsen gehindert werden.

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