Wahlvolk

Der Kampf um die beiden Stimmen ist hart. Allerdings ist die mediale Perspektive ziemlich schief. Optisch im Vordergrund stehen die Parteien und ihre Kandidaten. Sie beharken sich vor laufender Kamera und wollen so auf sich aufmerksam machen. Die Hauptpersonen dieses Ereignisses, die Wähler, sitzen auf der Tribüne und beklatschen oder bebuhen den Auftritt der Matadore. Sieht so ein Souverän aus, einer auf den es ankommt? Das kann man so deuten. Dann wäre die Tribüne eine Art Königsloge. Merkwürdig ist nur, dass die Demoskopen ständig darauf hinweisen, dass über ein Drittel der Wähler noch unentschlossen seien. Haben die Schaukämpfe sie nicht überzeugt? Oder halten sie sich bedeckt, weil es die Demoskopen nichts angeht, wem ich meine Stimmen gebe. Nimmt die Briefwahl vielleicht deshalb zu, weil man am Ausgang des Wahllokals nicht nach seiner Wahlentscheidung befragt werden will? Ich bin alt genug, mich an Zeiten zu erinnern, in denen das Ergebnis der Bundestagswahl nicht schon vor dem Wahltag bekannt war. Damals hing man am Radio und registrierte die Einzelergebnisse. Und am nächsten Morgen konnte man die Zusammensetzung des neuen Parlaments schwarz auf weiß in der Zeitung lesen. Ich finde, die Wahlen verkommen zu Medienevents. Ich fühle mich nicht mehr als Teil des Wahlvolks oder gar als Souverän, sondern als Teil eines Algorithmus, als bloße Zahl, als Objekt der Parteien, nicht als Subjekt eines demokratischen Prozesses.

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Leitungsschäden

Das Problem ist nicht neu. Seit vielen Jahren tut sich die Schulverwaltung Baden-Württembergs schwer, vakante Schulleiterstellen zu besetzen. In diesem Jahr sind mehrere hundert offen, in allen Schularten. Dazu kommen Engpässe in der Lehrerversorgung. Auch da fehlt es offenbar hinten und vorne. Was die Schulleiter angeht, so gilt weiterhin, was in diesem Blog schon mehrfach geäußert wurde: Eine Schule zu leiten ist nicht attraktiv, weder finanziell noch hinsichtlich der Arbeitsplatzbeschreibung. Angesichts der Verantwortung, die damit verbunden ist, hat man als Leiter einer Schule zu wenig Zeit und zu wenig Zuständigkeit. Ein Schulleiter kann niemand einstellen, höchstens Wünsche äußern, er hat so gut wie keine Instrumente, um Lehrkräften mit Defiziten „auf die Sprünge“ zu helfen. Was die Verwaltung angeht, spielen zeitfressende Nebensächlichkeiten eine zu große Rolle. Wer beim Unterricht systematisch nach dem Rechten zu sehen will, dem fehlen die Zeit und vor allem die Befugnisse. Auch die Unterstützung von außen, der Schulverwaltung, ist nur gering. Warum also sollte sich jemand auf eine Leitungsstelle bewerben, wenn er kaum mehr dabei verdient und den Kopf hinhalten soll für Entwicklungen, die er nur wenig beeinflussen kann. Das alles weiß man in Stuttgart schon lange, aber man tut nichts dagegen. Auch der aktuelle Lehrermangel ist hausgemacht. Statt in guten Zeiten eine Reserve zu schaffen, hat man Stellen gestrichen, die nun fehlen.

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Beiratratschläge

Zu den schönen Traditionen der hiesigen Bildungspolitik gehört die Einrichtung von Beiräten. Sie sollen raten, wenn man nicht mehr weiter weiß. Den neuen Beirat des Kultusministeriums von Baden-Württemberg soll Ulrich Trautwein leiten. Was er in der Zeitung zu sagen hatte, klingt vernünftig, aber auch ernüchternd. Eine Wirkung seines Wirkens werde frühestens in zehn Jahren eintreten, denn Änderungen im Bildungssystem greifen langsam. Zumal Baden-Württemberg seit langer Zeit stagniere. Auch gebe es hier eine „erschreckend große Risikogruppe von leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern.“ Es fehle an „aussagekräftigen Daten zum Schulsystem“. Die Chancen der Vergleichsarbeiten hat man sinnlos vergeigt. Diese Arbeiten sind bedeutungs- und folgenlos. Der Aufwand dafür, sage ich, ist sinnlos. Man hat in den Schulen „Qualitätsverletzungen“, wo man sie denn feststellte, „nicht wahrgenommen“, also unter den Teppich gekehrt. Dem Land fehle der Wille, „die Qualität von Lernprozessen systematisch zu erfassen und zu verbessern.“ Trautwein vermeidet es, die Schuldigen zu benennen. Aber wahrscheinlich liegt man mit der Einschätzung richtig, dass eine unheilige Allianz von Politik und Lehrerverbänden am Werk war. Ich erinnere mich, dass alle mutigen Ansätze am Beharrungsvermögen der Verantwortlichen gescheitert sind, sei es – um nur ein paar Stichworte zu nennen – eine verpflichtende Fortbildung für alle Lehrkräfte, die Bewertung der Vergleichsarbeiten als „echte Klassenarbeiten“, die Veröffentlichung von Ergebnissen der Fremdevaluation. Trautwein sagt, was wir alle schon wissen: Die Qualität eines Bildungssystems liegt an der Qualität des Unterrichts. Die aber interessiert hierzulande eigentlich kaum jemand.

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