Sondierungsstopp

Es war natürlich nicht nett von Herrn Lindner, die Sondierungsgespräche zu verlassen, wo man doch „auf gutem Wege“ war und es nur noch um „Kleinigkeiten“ ging, wie die CDU-Frau Klöckner am frühen Sonntagabend allen Ernstes behauptet hat. Für Kleinigkeiten braucht man unter vernünftigen Menschen nicht endlos lange Stunden und Tage. Auch benötigt man normalerweise keine fünf Wochen, um festzustellen, ob Koalitionsverhandlungen sinnvoll oder sinnlos sind. Zwischen den Verhandelnden hat die Chemie offenbar zu keinem Zeitpunkt gestimmt. Das liegt auch an Geschichten aus der Vergangenheit. Dass sich die FDP 2009 bis 2013 von Merkel über den Tisch und dann in den Abgrund hat ziehen lassen, wird kein Liberaler bei aller Selbstkritik so schnell vergessen. Da hätte es deutlichere Zeichen der Wiedergutmachung bedurft. Und dass sich die Grünen 2013 mit besonders hämischer Freude über die Niederlage der FDP geäußert haben, kann nur vergessen, wer vergesslich ist. Aber, so lautet ein berechtigter Einwand, solche Empfindlichkeiten dürfen „Patrioten“ (Özdemir) nicht daran hindern, die beste Lösung für unser Land zu suchen. Aber wäre diese Koalition mit diesem Personal tatsächlich eine gute Lösung gewesen? Auch wenn sie länger gehalten hätte als jenes eine Jahr, das man ihr zugebilligt hatte, sie hätte sich in grundsätzlichen Fragen nicht einigen können: beim Braunkohleausstieg, beim Einwanderungsgesetz und bei den Fragen der Integration, bei der Abschaffung des Solidarbeitrags und der Neugestaltung des Steuerrechts, beim grundlegenden Wandel des Bildungssystems, bei der Umsetzung der Digitalisierung in Schule und Gesellschaft, der Schaffung einer Wirtschaftsordnung, die Neugründer nicht abschreckt, sondern ermutigt, bei einer Sozialgesetzgebung, die den Sprengstoff der Ungleichheit unschädlich macht, bei der Reform Europas, die der Rosinenpickerei ein Ende macht usw.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Achtneunargumentationen

Derzeit liest man wieder einmal viel über die schlimmen Auswirkungen des achtjährigen Gymnasiums. Von „fehlender Reife mit achtzehn“ ist die Rede – als ob die jungen Leute mit neunzehn wesentlich reifer wären. Von der Unfähigkeit, nach zwölf Jahren Schule eine Studienentscheidung zu treffen ist zu lesen – als ob die nach dreizehn Jahren leichter fiele. Von langen Reisen statt eines „verfrühten Studiums“ ist die Rede – die waren übrigens beim Abitur nach neun Gymnasialjahren auch sehr beliebt, bei denen, die es sich leisten konnten. Sie erinnern an die einstigen Kavaliersreisen des Adels, auf denen sich die künftigen Herrscher „die Hörner abstoßen“ und nebenbei auch etwas „von der Welt“ sehen sollten. Häckerlings Meinung: Wenn die jungen Leute nach der Reifeprüfung derartige Unzulänglichkeiten aufweisen, dann fehlt es ihnen in der Tat an Reife. Aber an wem liegt dieses Defizit? Vielleicht halten die Eltern ihre Kinder zu lange in Unmündigkeit, statt ihnen etwas zuzumuten, vielleicht nehmen sie ihnen zu viel ab und geben ihnen zu wenige Chancen, eigenständig zu werden. Vielleicht versäumt es auch die Schule, die jungen Menschen zu fordern, Ihnen etwas abzuverlangen, sie zur Selbstständigkeit zu führen. Gelegentlich ist es geboten, den Gymnasien in Erinnerung zu rufen, dass sie nicht nur Lehrinhalte vermitteln, sondern auch erziehen sollen. Das jedenfalls ist ihr Auftrag, wie ihn das Schulgesetz formuliert. Ehe man den Rufen nach einem (übrigens teuren) neunten Schuljahr folgt, wäre eine Schulreform angezeigt, die vom Ziel her denkt, das da wäre: selbstständige Menschen in „die Welt“ zu entlassen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Smartphonegeräusche

Manche Schulen wissen sich gegen das ununterbrochene Gucken aufs Handy nur noch mit Verboten zu helfen. Abgesehen von der Frage, ob ein solches Verbot wirkt und ob es überwacht werden kann, es ist keine Lösung. Natürlich geht es nicht an, dass die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts ständig ihre neuen Nachrichten lesen. Das stört die Konzentration. Wenn es immer wieder piepst, weil ein Chat seine Fortsetzung gefunden hat, ist keine sinnvolle pädagogische Arbeit möglich. Deshalb kann die Schule verlangen, dass die Geräte abgeschaltet oder stumm gestellt werden. Wer sich daran nicht hält, muss mit Sanktionen rechnen. Die lassen sich bei wiederholtem Fehlverhalten steigern, in hartnäckigen Fällen bis zu einem zeitweiligen Ausschluss vom Schulbesuch. Das tägliche Einsammeln der Handys und die Rückgabe nach Schulschluss sind organisatorisch nur mit unnötigem Aufwand nicht umzusetzen. Auch können da „Verluste“ auftreten, mit schwierigen rechtlichen Folgen. Längeres Einbehalten der Geräte verstößt gegen Eigentumsrechte. Die Wundermaschinen müssen also bei ihren Eigentümern bleiben. Das hat auch Vorteile: Sie können im Unterricht genutzt werden. Manches Textblatt würde sich erübrigen, wenn die Schülerinnen und Schüler selbst recherchieren und relevante Informationen auf ihrem Gerät speichern dürften. Auch die Einrichtung von Computerräumen oder Tablet-Klassen verlöre an Dringlichkeit, wenn die Lehrenden mit den bei ihren Schülern vorhandenen Smartphones sinnvoll umzugehen wüssten.

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar