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Gymnasiale Zunahme

Nein, es stimmt nicht, was vom Ministerium behauptet wird: dass die Übergangsquoten in die weiterführenden Schulen stabil seien. Im Gegenteil, jedes Jahr nimmt der Prozentsatz derer zu, die ins Gymnasium wollen. Man kann auch nicht sagen, der Übergang in die Gemeinschaftsschule stagniere, nein, er hat signifikant abgenommen. Die Zahlen sind auf der Homepage der Landesregierung nachzulesen. Man sollte sich die Lage nicht schönreden, sondern sie zur Kenntnis nehmen. Die gymnasiale Zunahme kann man zwar als „Abstimmung mit den Füßen“ deuten, als Beweis für die Attraktivität dieser Schulform. Aber man sollte zur Kenntnis nehmen, dass sich damit nicht erreichen lässt, was der Politikermund immer mal von sich gibt: Man wolle das Niveau des Gymnasiums halten. Hier gibt es kein Halten mehr. Das Niveau sinkt. Das bestätigen die Vergleichsstudien, das beklagen die Lehrerinnen und Lehrer, deren Kraft und Zeit von Fördermaßnahmen, Einzelhilfen für Schwächere, von ständigem Üben und immer wieder neu Erklären in Anspruch genommen werden. Anspruchsvolle, selbstständige Gedankengänge der Schüler, die Auseinandersetzung mit komplexen Sachverhalten, das Betreten unwegsamer intellektueller Bereiche, die kritische Auseinandersetzung mit der bedrohlichen Realität, dafür ist kaum noch Zeit. Das Gymnasium ist auf dem Weg zur Regelschule. Und die Gemeinschaftsschule? Sie arbeitet sich ab an ihrer unlösbaren Aufgabe: allen gerecht zu werden, jeden individuell zu fördern, dem Kind mit Defiziten und dem mit geistigen Ansprüchen jeweils das Seine zu geben, die Kluft zwischen den sozialen Schichten zu überwinden, die Fremden zu integrieren, die Schwachen und die Leistungswilligen zusammen sinnvoll arbeiten zu lassen. Das kann nicht gelingen. Wann werden es die Verantwortlichen schaffen, die schulischen Holzwege zu verlassen?

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Achtneunargumentationen

Derzeit liest man wieder einmal viel über die schlimmen Auswirkungen des achtjährigen Gymnasiums. Von „fehlender Reife mit achtzehn“ ist die Rede – als ob die jungen Leute mit neunzehn wesentlich reifer wären. Von der Unfähigkeit, nach zwölf Jahren Schule eine Studienentscheidung zu treffen ist zu lesen – als ob die nach dreizehn Jahren leichter fiele. Von langen Reisen statt eines „verfrühten Studiums“ ist die Rede – die waren übrigens beim Abitur nach neun Gymnasialjahren auch sehr beliebt, bei denen, die es sich leisten konnten. Sie erinnern an die einstigen Kavaliersreisen des Adels, auf denen sich die künftigen Herrscher „die Hörner abstoßen“ und nebenbei auch etwas „von der Welt“ sehen sollten. Häckerlings Meinung: Wenn die jungen Leute nach der Reifeprüfung derartige Unzulänglichkeiten aufweisen, dann fehlt es ihnen in der Tat an Reife. Aber an wem liegt dieses Defizit? Vielleicht halten die Eltern ihre Kinder zu lange in Unmündigkeit, statt ihnen etwas zuzumuten, vielleicht nehmen sie ihnen zu viel ab und geben ihnen zu wenige Chancen, eigenständig zu werden. Vielleicht versäumt es auch die Schule, die jungen Menschen zu fordern, Ihnen etwas abzuverlangen, sie zur Selbstständigkeit zu führen. Gelegentlich ist es geboten, den Gymnasien in Erinnerung zu rufen, dass sie nicht nur Lehrinhalte vermitteln, sondern auch erziehen sollen. Das jedenfalls ist ihr Auftrag, wie ihn das Schulgesetz formuliert. Ehe man den Rufen nach einem (übrigens teuren) neunten Schuljahr folgt, wäre eine Schulreform angezeigt, die vom Ziel her denkt, das da wäre: selbstständige Menschen in „die Welt“ zu entlassen.

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Oberstufenreformreform

Was den Protestanten mit der Reformation nicht gelingt – sie als Prozess zu verstetigen –, das schafft die baden-württembergische Schulverwaltung locker: die Oberstufe ständig zu reformieren. Als die „Reformierte Oberstufe“ einst (in den 1970er Jahren) in die Fläche ging, hatte die Erstauflage keine lange Laufzeit. Bald wurden die Möglichkeiten, Fächer in fünfstündigen Leistungskursen zu kombinieren, eingeschränkt. Alle zwei, drei Jahre drehte man an Stellschrauben. Bald überblickten nur noch die Spezialisten (die Oberstufenberater) den Stand der Dinge und irgendwann hatte man die Nase voll von den Grund- und Leistungskursen und erfand die vierstündigen „Schwerpunktkurse“ und „Neigungskurse“. Allerdings mussten und müssen dabei Deutsch und Mathematik auch ohne jede Neigung besucht werden. Sie gehörten, fanden die Schulpolitiker, zur Grundbildung, der sich kein Schüler entziehen dürfe. Aber nun geht die Zeit dieser vierstündigen Kurse zu Ende. Heute kündigt das Kultusministerium in der Presse eine neue Reform der Oberstufe an. Es soll wieder fünfstündige Leistungskurse geben. Davon verspricht man sich eine Leistungssteigerung beim Abitur. Häckerling konstatiert, dass man sich in der Schulpolitik mal wieder von Strukturveränderungen Besserung verspricht. Dabei weisen die Bildungsforscher seit Jahren gebetsmühlenartig darauf, dass die Schulstruktur kaum einen Einfluss auf die Leistungen der Schüler hat. Die lassen sich nur mit einem besseren Unterricht steigern. Wann endlich werden die Verantwortlichen auf jene hören, die sie dafür bezahlen, dass sie ihnen sagen, was zu tun ist? Aber Änderungen des Systems fallen offenbar leichter als Änderungen im Unterrichtsalltag.