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Mediales Analphabetentum

Ein Gespenst geht um in der Welt: der naive Glaube an die Wahrheit von Posts in den sozialen Medien. Wenn die Zahlen stimmen, sind sie besorgniserregend. Dass nämlich rund ein Viertel der Bevölkerung anfällig ist für Unwahrheiten, für erfundene Theorien und dümmliche Weltdeutungen. Dass Menschen für wahr halten, was längst als falsch entlarvt wurde. Wir könnten mit dem Finger auf die USA zeigen, wo ein Präsident verkündet, er habe eine Wahl gewonnen, die er verloren hat, wo ihm Anhänger blindlings folgen und auch vor Gewalttaten nicht zurückschrecken. Aber wenn es bloß im bildungsdefekten Amerika so wäre, könnten wir uns entspannt zurücklehnen. Aber es soll auch bei uns Menschen geben, die sich als Virus-Leugner bekennen, die hinter der Pandemie eine Weltverschwörung wittern und im Impfen den Versuch, uns genetisch zu verändern. Es gibt auch Leugner des vom Menschen gemachten Klimawandels. Es gibt Antisemiten, die hinter allem, was derzeit an Ungutem geschieht, das Weltjudentum als Akteur sehen. Derlei Zeug wird allenthalben verbreitet. Und es wird geglaubt. Es ist Zeit für eine PISA-Studie, die sich der medialen Dummheit annimmt. Hat die Schule versagt? Haben wir mediale Analphabeten herangezogen? Ein Korn Wahrheit steckt darin. Die mediale Bildung ist rudimentär. Wir haben zu wenig Kompetenz im Umgang mit medialer Desinformation vermittelt. Wir haben zu wenig darauf geachtet, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, bei Informationen die Spreu vom Weizen zu trennen, Falsches von Richtigem zu unterscheiden, guten und schlechten Journalismus auseinanderzuhalten. Die Kultusministerkonferenz, von der man derzeit fast nichts hört, hätte hier eine systemrelevante Aufgabe.

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Verdummendes Deutschland

Deutschland verdummt – der Titel dieses 2019 erschienenen Buches von Michael Winterhoff soll provozieren und zum Widerspruch anregen. Winterhoff ist Kinder- und Jugendpsychiater, schaut also aus der Distanz des Bildungslaien auf die schulische Entwicklung der letzten 20 Jahre. Sie sei katastrophal verlaufen, stellt er fest. Ein wachsender Teil der Kinder und Jugendlichen habe in den Schulleistungen stark nachgelassen. Er führt das auf die Zunahme des „offenen Unterrichts“ zurück; der überlasse es Kindern, was und wie sie lernen wollten. Die Lehrer seien zu „Lernbegleitern“ geschrumpft, sie zögen sich aus der Verantwortung zurück. Eine didaktische Fehlentscheidung, meint Winterhoff: Kleine Kinder seien noch nicht in der Lage, ihren Lernweg selbst verantwortungsvoll zu bestimmen. Diese Aufgabe komme den Erwachsenen, den Eltern, Erziehern und den Lehrenden, zu. Sie hätten die Aufgabe, den ihnen Anvertrauten den Weg ins Leben zu weisen. Aber nicht das Nachlassen der Schulleistungen sei das größte Problem, sondern die Unreife der Kinder und Jugendlichen. Um zu einer Persönlichkeit zu werden, müssten sie an Aufgaben, Anforderungen und Herausforderungen wachsen. Wenn man ihnen alle Steine aus dem Weg räume, blieben sie Kleinkinder, die später unfähig sind, sich in der Welt zurechtzufinden. Der Fehler der Schule: Wenn es schon dem Elternhaus nicht gelinge, die Kinder zur Reife zu bringen, dann hätten Kita und Schule die Pflicht, das nachzuholen. Die aber versagten ebenfalls. Dort werde nicht gefordert, sondern so getan, als wären die Kleinen erwachsen und wüssten selbst am besten, was sie zu tun hätten. Das aber sei grundfalsch. Mit freiwilligen Lernangeboten lerne man nichts, sondern gehe den Weg des geringsten Widerstands. Ohne Orientierung sind die Kinder verloren.

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Tatsächliche Verbesserung

Manchmal sagt ein Satz mehr, als seine Verfasser damit kundtun wollten. Der folgende stand im letzten Newsletter der baden-württembergischen Landesregierung. Darin ist zu lesen von zwei neuen Instituten (ZSL und IBBW), die in Sachen Bildung etwas bringen sollen, nämlich eine Verbesserung. Hier besagter Satz: Ziel ist eine tatsächliche Verbesserung der Schul- und Unterrichtsqualität – auf wissenschaftlicher Grundlage und fokussiert auf die Unterrichtsqualität. Häckerling fällt an dieser Aussage auf, dass sich das Land Baden-Württemberg nicht mit einer bloßen Verbesserung des Bildungssystems zufrieden geben will, sondern diese Verbesserung eine „tatsächliche“ sein soll. Heißt das, man will sich gegen nur fiktive Verbesserungen abgrenzen, solchen, die nur angekündigt, aber nicht realisiert werden? Auffällig ist auch die Betonung der wissenschaftlichen Grundlage dieser Verbesserung. Man möchte offenbar nicht der pädagogischen Dampfplauderei folgen, sondern der Wissenschaft. Leider sind sich Wissenschaftler selten einig; es wird daher nicht einfach sein, von ihnen eine „Grundlage“ zu bekommen. Der Streit darüber, was die richtige Grundlage sein soll, könnte sich hinziehen. Der Satz findet seinen Höhepunkt im metaphorisch gebrauchten Partizip „fokussiert“. Was heißt das? Um es mit einer anderen Metapher zu sagen: Der Schwerpunkt der Verbesserung der Unterrichtsqualität, von der im ersten Teil des Satzes die Rede ist, soll auf der Unterrichtsqualität liegen. Eine wenig überraschende Feststellung. In der Rhetorik würde man von einer Tautologie sprechen. Wir kennen sie vom weißen Schimmel und vom schwarzen Rappen. Hier ist die Tautologie aber noch tautologischer: Der Schwerpunkt liegt auf dem Schwerpunkt. Häckerling ergänzt: Die Qualität liegt in der Qualität. Was ist aus diesem Satz zu folgern? Der Schwerpunkt der baden-württembergischen Bildungspolitik sollte auf der Qualität ihrer sprachlichen Vermittlung liegen.