Kategorien
Gesellschaft Kirche

Zerbröselnde Kirchen

Für die katholische Kirche kommt es gerade knüppeldick. Solide Gutachten weisen nach, in welch laxer Weise man intern mit Kinderschändern umgegangen ist. Man kann das ja verstehen: Die Kirche lebt schon immer vom Corpsgeist und von ihrer moralischen Exklusivität. Letztere pflegt man durch große Worte, Ersteren durch das Schweigegebot. Wer redet, wird bestraft. Wer das Nest beschmutzt, fliegt raus. Keiner verkörpert das so überzeugen wie der ehemalige Papst. Er ist der Vollkommene schlechthin, einer, der nie Fehler gemacht hat, eine Ikone der Moralität. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, leugnet er jegliche Verstrickung ins moralisch Minderwertige. Das hat Ähnlichkeiten mit Russland, das zwar alle möglichen Schweinereien anstellt, aber nie zugibt, daran beteiligt zu sein. Gespannt sein darf man, was die Kirche mit den 100 anstellt, die sich gestern als nicht heterosexuell geoutet haben. Ihnen müsste eigentlich gekündigt werden, weil die katholische Kirche derlei Gott nicht wohlgefällige Schweinereien nicht akzeptieren kann. Die Verdrossenheit der katholischen Gläubigen angesichts der schlechten Performanz ihrer Kirche sei auf einem neuen Höhepunkt angekommen. Und wo stehen die Evangelischen? Auf sie färbt das schlechte Image ihrer katholischen Brüder und Schwestern ab. Kirche ist Kirche. Die Austrittszahlen sind hoch. Was tun? Die Geschichte aussitzen? Weitermachen wie bisher? Aber auch dieses Bisher hat etwas Trübseliges. Gottesdienst mit Maskenpflicht und dem Hinterlassen der persönlichen Daten, Sitzen auf Abstand und Vermeiden jeden Gesprächs post festum, Predigten, die sich um die brennenden Fragen herumdrücken … Wo ist der neue Geist, der große Aufbruch, das Beschreiten neuer Wege, das ständig beschworen wird? Statements der Kirchenleitungen zu Corona, Klima, der Spaltung und der geistigen Verödung unserer Gesellschaft schaffen es nicht einmal in die Tagesschau. Denn so ist es nun mal: Was nicht zur Topmeldung wird, bleibt ohne Wirkung. Was bleibt: das Zuschauen beim Zerbröseln der Kirchen.

Kategorien
Gesellschaft Literatur

Apokalyptisches Szenario

Als ob er es geahnt hätte: Robert Harris schildert in seinem jüngsten Roman (erschienen im Heyne-Verlag) den Kollaps unseres Systems, aus der Sicht des Futur 2. Wie wird das gewesen sein, damals, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts? Der Roman „Der zweite Schlaf“ spielt im Mittelalter (1468) und zugleich in der Zukunft. Im Jahr 2025 – so die Fiktion – ist die hochtechnisierte Zivilisation zusammengebrochen. Der ganze Lebensalltag war damals nur noch elektronisch gesteuert. Daten und Programme, von denen alles abhing, lagerten in Clouds. Doch plötzlich funktionierte nichts mehr. Warum? Vielleicht war das System zu kompliziert geworden. Jedenfalls brach die Zivilisation, wie wir sie kennen, zusammen, die Menschen gerieten in Panik. Die Kirchen jener Zeit deuteten die Ereignisse als Weltuntergang und legten, dem letzten Buch der Bibel folgend, den Beginn einer neuen Zeitrechnung fest. Mit dem Jahr 666 (vgl. Offenbarung 13) begann eine andere Ära. Harris erzählt die Geschichte des jungen Priesters Fairfax, der in ein englisches Dorf geschickt wird, um den jüngst verstorbenen Pfarrer zu bestatten. Der war offenbar einer jener Ketzer, die trotz des Verbots der Kirche die Vergangenheit erforschten. Fairfax stößt auf Bücher, die von den Ereignissen vor über 800 Jahren berichten. Allmählich wird ihm klar, dass die Kirche aus eigenem Interesse ein System der Unterdrückung geschaffen hat. Fairfax beteiligt sich an Ausgrabungen, bei denen merkwürdige Dinge zum Vorschein kommen: Plastikteile, Reste von Fluggeräten, kleine Kästen, auf denen ein angebissener Apfel zu sehen ist. Es muss bei diesem „Weltuntergang“ furchtbar zugegangen sein. Eine Hungersnot brach aus. Die Menschen kämpften ums Überleben. Dabei gingen sie brutal und rücksichtslos vor. Jeder wurde sich selbst zum Nächsten. Die alte Gesellschaft, unsere heutige also, versank im Chaos. Harris zeichnet ein düsteres Bild unserer Gegenwart. Doch auch die neue Zeit wird nicht besser sein, meint er. Offenbar ändern sich die Menschen nicht.

Kategorien
Politik

Kirchliche Schuld

Dieser Tage haben Prognosen den Kirchen einen weiteren deutlichen Verlust an Mitgliedern angekündigt. Man müsse sich öffnen und seinen Glauben deutlicher bekennen hieß es daraufhin. Dreihundert evangelische Pfarrer in Württemberg haben das so verstanden: Mit uns wird es keine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare geben werde. In der Bibel sei das nicht vorgesehen. Im Gegenteil: Wer in seiner Sexualität vom heterosexuellen Standard abweiche, sei selbst daran schuld und müsse dafür büßen. In der katholischen Kirche wollen die Frauen einen Monat lang ihren Dienst verweigern und so gegen ihre Benachteiligung und die Männerherrschaft demonstrieren. Dort macht man nicht einmal den Versuch, diese jahrhundertealte Praxis biblisch zu begründen. Wer die Macht hat, gibt sie ungern ab. Gestern haben die beiden Kirchen ihre Schuld bei der Behandlung von Menschen, die sich selbst getötet haben, eingestanden. Die durften einst keinesfalls kirchlich bestattet werden. So sollte ihre Schuld öffentlich werden. Jeder Schüler, der einmal die Geschichte des Selbstmörders „Werther“ lesen musste, kennt diese Haltung. Inzwischen ist man längst davon abgegangen, Suizidale anzuprangern, und will sogar dazu beitragen, sie von ihrem Schritt abzuhalten. Wahrscheinlich arbeitet man auf ein Gesetz hin, das die Selbsttötung erst nach kirchlicher Beratung erlaubt. Eine andere Baustelle hat man noch gar nicht angepackt: die Selbstbefriedigung. Die wird im Alten Testament bekanntlich mit dem Tode bestraft. Onan hat das zu spüren bekommen. Die Öffnung der Kirchen dürfte wohl darin bestehen, sich mehr und mehr zu verschließen.