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Angeschwiegene Kinder

Den deutschen und den eingedeutschten Kindern mangelt es an der deutschen Sprache. Sie tun sich schwer mit dem Lesen, dem Verstehen des Gelesenen, dem Schreiben und dem Reden. Das ist der neue (und alte) Befund der PISA-Studie. Das ist kein Wunder. Es wird zwar in unserer Gesellschaft furchtbar viel geredet und auch kommuniziert, aber mittels der Geräte, in die gesprochen oder etwas eingetippt wird. Zwischen denen in der Fernen besteht über die Geräte ein ausschweifender Austausch. Dafür kommen die in der Nähe Lebenden zu kurz Man sieht Mütter, die zwei Kinder mit sich herumschleppen, aber nicht mit ihnen, sondern mit ihrem Handy in Kontakt sind. Da ist etwas verloren gegangen: Sprechen lernt man durch Sprechen, Sprechen lernt das Kind von der Mutter (auch vom Vater), man nennt das auch Muttersprache. Schreiben lernt man durch Schreiben, also in der Schule. Wie man hört, wird dort immer seltener geschrieben. Vom Üben des Schreibens halten sie in der Grundschule offenbar nicht mehr viel. Lesen lernt man durch Lesen. Das Vorlesen ist eine der schönsten Pflichten der Eltern. Wissen die das noch? Wer vorgelesen bekommt, will auch selbst lesen. In der Grundschule und in den Klassen fünf müsste jedes Kind jeden Tag mindestens fünf Minuten am Stück laut vorlesen. Besser mehr. Zu Hause sollte es den Eltern oder Geschwistern vorlesen. Wenn es dann auch noch über das Gelesene sprechen dürfte, würde man bald Fortschritte merken. Vielleicht schon in vier oder acht Jahren, beim nächsten PISA-Test. Und die armen Migrantenkinder? Für sie gilt dasselbe. Den Eltern müsste man einhämmern, dass nicht nur ihre Kinder, sondern auch sie selbst Deutsch lernen müssen. Es gibt Angebote im Fernsehen in deutscher Sprache, es gibt Werbespots im Radio, es gibt einfache Hörbücher. Es gibt sogar Sprachkurse. Man muss nur wollen. Oder vielleicht auch müssen.

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Kurve abwärts

Als wir noch nichts von der Klimakatastrophe wussten, hatten wir eine andere – die Bildungskatastrophe. In der 1960er Jahren bescheinigten Georg Picht und Co. Deutschland diverse Probleme im Bildungssystem. Damals hat man den Warnruf ernstgenommen und Reformen „auf den Weg gebracht“ (wie man heute sagt). Sie sind sogar an ihrem Ziel angekommen. Deutschland konnte sich Jahrzehnte im Liegestuhl des Erfolgs sonnen. Aber am Ende der 1990er Jahre stellte sich heraus, dass man einen Sonnenbrand hatte. Die erste PISA-Studie offenbarte, was Insider schon lange vermutet hatten: Die deutschen Schüler sind schlechter als ihr Ruf. Und vermutlich auch die Lehrer, denn von nichts kommt nichts. Im Jahr 2000 ist Deutschland erneut erschrocken. Rund ein Fünftel der Neuntklässler konnten kaum lesen und nur unterdurchschnittlich rechnen. Auch diesen Warnruf hat man sich zu Herzen genommen. Viele Schulen haben sich sehr angestrengt, den ihnen Anvertrauten das Lesen und Rechnen beizubringen. Aber nicht alle, denn es gab willkommene Stimmen, die PISA für einen Unsinn hielten: zu praxisorientiert, zu wenig dem deutschen Bildungsgedanken gemäß. Diese Stimmen werden auch nach der neuerlichen Studie zu hören sein. Die kommt zu dem Ergebnis, dass 2026 die Kinder der neunten Klasse noch schlechter abgeschnitten haben als 2000. Der einzige Trost: Auch Kinder anderer Staaten sind abgerutscht. Was nun zu erwarten ist: Wenn sich die erste Erregung gelegt hat, so in einer Woche, wird man wieder zum schlechten Alltag zurückkehren. Die GEW hat dazu einen Vorschlag: Sie möchte die ganzen Tests abschaffen, VERA zum Beispiel, denn es bringe nichts, Defizite zu konstatieren und nichts dagegen zu tun. Das könnte man auch auf PISA übertragen. Wir könnten beschließen, uns nicht mehr daran beteiligen. Denn was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Die Alternative wäre auch zu schrecklich: Wir müssten die derzeitige Bildungsarbeit in Frage stellen und sie vielleicht sogar ändern.

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Gesellschaft Schule

Ersehntes G 9

Wer sich nicht für das neunjährige Gymnasium stark macht, ist heuer wie aus der Zeit gefallen. Alles wollen es. Neun Jahre Gymnasium, dann hat es ein Ende mit den Bildungsproblemen. Wenn man den Kindern nur genug Zeit lässt, ist Schluss mit dem nachlassenden Niveau. Das Abitur wird dann wieder zum Glanzstück des schulischen Werdegangs. Es eröffnet alle Wege ins Studium und in die globale Wissenschaftswelt. Häckerling darf daran erinnern, dass wir G 9 schon mal hatten und feststellen mussten, dass sich die Schülerinnen und Schüler ab 18 Jahren gern aus dem Unterricht entfernten, weil sie sich selbst entschuldigen konnten. Auch wenn es alle vergessen haben: Die Abiturergebnisse aus der neunjährigen Zeit waren oft ebenso dürftig wie die nach acht Jahren. Der Niedergang des deutschen Gymnasiums begann nicht mit PISA, sondern in den 1990er Jahren. Damals hat man den Lehrkräften nicht mehr auf die Finger geschaut. Selten wurden sie beurteilt, selten im Unterricht besucht. Viele in der Oberstufe beklagten die Langeweile und die Zeitverschwendung. Und das würde nicht wieder geschehen, wenn man jetzt zu G 9 zurückkehrte? Ich kann das nicht glauben. Werden junge Erwachsene reifer, wenn sie in die Schule gehen? Dafür gibt es keinen Nachweis. Reifeprozesse haben mit persönlichen Erlebnissen und Herausforderungen zu tun und nicht mit der Erfüllung der Schulbesuchspflicht. Ich habe es schon mal gesagt: Wenn Abiturienten nach G 8 nicht reif sind, dann sind es auch die Realschüler nach der zehnten Klasse nicht. Sie werden dennoch gnadenlos in die Berufswelt geschickt. Als Unreife. Ist das nicht verantwortungslos? Es leiden durch G 8 angeblich die musikalischen und sportlichen Aktivitäten. Wenn das so ist, dann ist es die Folge des Systemversagens der Schule und der freien Anbieter. Man könnte sich ja absprechen. Und PISA? Es prüft keine Abiturienten, sondern 15-Jährige. Wenn die zu wenig können, dann ändert sich das auch nicht, wenn sie mit 20 immer noch in die Schule gehen.