Demnächst sind die Kirchenwahlen. Da sind ein paar Bemerkungen vorab angezeigt. In den Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts expandierte und prosperierte Sindelfingen. Auch die hiesige protestantische Gemeinde wuchs. Die Kirchengemeinde schuf immer neue Filialen, baute Kirchengebäude und Gemeindehäuser und bekam eine Pfarrstelle nach der anderen. Zu den drei Pfarrern der Kerngemeinde, von denen einer später der Viehweide zugerechnet wurde, kamen Pfarrer für die Christuskirche und sogar für das angegliederte Hinterweil: Die Johanneskirche hatte zusammen mit der Eichholzgemeinde zwei Pfarrer und auch auf dem Goldberg, der Versöhnungskirche, gab es eine feste Pfarrstelle. Derzeit expandiert Sindelfingen immer noch, es hat mittlerweile über 65000 Einwohner, aber die evangelische Kirchengemeinde schrumpft. Inzwischen ist sie wieder auf dem Stand der Nachkriegszeit oder eher kleiner. Es gibt noch zwei Pfarrstellen. Die Filialen Johannes-Eichholz, Christus-Hinterweil, Goldberg und Viehweide wurden aufgelöst. Aus sieben Gemeinden wurde wieder eine einzige. Das zeigt, wie weit es die evangelische Kirche gebracht hat. Woran liegt es? Die Menschen treten aus den verschiedensten Gründen aus (Geldnot, Missbrauchsfälle, Säkularisierung), Also lohnt sich allenfalls noch eine Kirchengemeinde. Aus der Volkskirche ist eine Minderheitenkirche geworden, die noch weiter schrumpfen wird, weil sie überaltert ist und ihre Mitglieder sterben. Was der Blogschreiber noch anmerken will: Es fehlt der evangelischen Kirche nicht an Verwaltung, der Oberkirchenrat hat sich unlängst in Stuttgart einen neuen Prachtbau für 60 Millionen genehmigt, auch nicht an einem Parlament – Ende November wählen wir wieder eine „Landessynode“. Was fehlt ist der Geist, der Geist der Erneuerung. Vielleicht hätte uns die hauptamtliche Geistlichkeit sogar etwas zu sagen, aber sie tut es nicht. Nur selten regen Gottesdienste an und nicht auf. Wir brauchen Reformen, wir brauchen wahrscheinlich einen Reformator oder eine Reformatorin.
Schlagwort: Evangelische Kirche
Friedliche Protestanten
Unter den evangelischen Pfarrern kreist eine Unterschriftenliste. Wer unterschreibt, bekennt sich gegen die Lieferung von Waffen an die Ukraine. Das sei mit dem Evangelium nicht vereinbar. Jesus habe die Gewaltlosigkeit propagiert. Selig seien die Friedfertigen, wahre Christen also Pazifisten. Solches Denken und Glauben ist ehrenhaft. Wer, wenn ihm jemand auf die eine Backe schlägt, die andere hinhält, kann beim Schläger möglicherweise einen Prozess des Nachdenkens auslösen. Auf die Ukraine übertragen würde hieße das: Das Land soll sich ohne eigene Gewalt der russischen Gewalt beugen, in der Hoffnung, dass Putin, beeindruckt von dieser friedlichen Geste, seine Eroberungsgelüste aufgibt. Dieser Gedanke hat etwas Betörendes. Die Gewalt gibt sich der Gewaltlosigkeit geschlagen. Wenn man dieses Experiment machte und sich die Ukrainer so verhielten, wäre das Risiko allerdings groß, dass sich der russische Präsident ob solch eines leichten Sieges die Hände reiben und stracks sein nächstes Ziel, das Baltikum, anvisieren würde. Unsere ehrenwerten Pastorinnen und Pastoren geben auf diese Frage keine Antwort. Sie blenden auch aus, dass in der neutestamentlichen Ethik das Eintreten für die Schwächeren gefordert wird. Wenn man sich fromm heraushält, wenn der Starke den Schwachen unterdrückt, macht man sich mitschuldig. Hätte David gegen Goliath keine Schleuder einsetzen dürfen? Sollen wir uns als Christen künftig nicht mehr wehren? Gewiss, Waffenlieferungen bedeuten die Verlängerung des Krieges. Aber seine Verkürzung durch die Niederlage des Angegriffenen zu fordern, mutet merkwürdig an. Es wäre an der Zeit, dass in der evangelischen Kirche über dieses Dilemma offen diskutiert würde. Dass man Unterschriftenlisten kreisen lässt, ersetzt den Dialog nicht.
Ringende Kirchen
In den Presseberichten über den Stuttgarter Katholikentag taucht die Metapher von der Kirche auf, die um Reformen ringt. Nun braucht es zum Ringen bekanntlich zwei, die es miteinander tun. Manchmal gibt es beim Ringkampf ein Remis, aber in der Regel wird ein Teilnehmer zum Sieger erklärt. Wird es beim katholischen Ringen um Fortschritte, man könnte auch sagen: um Reformen, einen Sieger geben? Werden jene, die sich für Frauen als Priester einsetzen oder für eine neue Sexualmoral, für klare Regeln bei Missbrauch oder für die Abendmahlsgemeinschaft mit den verketzerten Protestanten und anderes erfolgreich ringen? Oder werden sie allenfalls ein Remis bekommen, das besagt, dass sich nichts ändern wird, aber man weiter über Änderungen reden darf? Bei den Evangelischen gibt es manche der oben genannten Probleme nicht in diesem Ausmaß, dafür aber andere: Wir haben eine Gottesdienstordnung, die von außen Kommende ratlos macht oder nur einfach langweilt, viele haben ein pietistisch geprägte Bibelverständnis, das die Texte als Beschreibungen realer historischer Vorgänge nimmt, die Leitung zeigt Mutlosigkeit beim Reden über die Probleme der Welt. Der Klimawandel ist für manche gottgewollt und daher unabänderlich, in der Ukraine kämpfen Russen gegen Russen – lasst sie doch machen. Die Pandemie ist ebenfalls „von oben“ gekommen. Sie soll den Menschen für seine Sünden strafen. Impfen ist Teufelszeug und ein Eingriff in den göttlichen Willen. Die Probleme der Ungleichverteilung von Vermögen geht die Kirche nichts an, Hauptsache, sie hat selbst regelmäßigen Einnahmen. Und was hat die Kirche damit zu tun, dass Menschen fliehen? Politik, so hört man aus frommem Munde, hat in der Kirche nichts zu suchen. Vielleicht – meint Häckerling – sollte es andersherum sein: Diese Art von Frommen haben in der Kirche nichts zu suchen. Wird eigentlich jemals aufgearbeitet werden, was die pietistische Erziehung an vielen Kindern angerichtet hat? Also: Welche Traumata dadurch vermittelt wurden, welcher Missbrauch mit den kindlichen Seelen man getrieben hat. Das Ringen um eine bessere Kirche hat noch kaum begonnen.