Das Eindrucksvollste am schmählichen Aus der deutschen Kicker bei der Weltmeisterschaft ist nicht so sehr deren Unfähigkeit, gegen eine mittelmäßige Mannschaft Tore zu erzielen, sondern die Äußerung des gescheiterten Trainers Nagelsmann, seinen Job behalten zu wollen, und die Zusage des übergeordneten Chefs Völler, dass der Trainer „im Amt“ bleiben soll. Ist der Mann denn „beamtet“, hat er wie ein Beamter trotz Erfolglosigkeit Kündigungsschutz? Irgendwie scheinen die Funktionäre des bezahlten Fußballs der Wirklichkeit enthoben zu sein. Die Impertinenz des großen Infantino an der Spitze des Fußballweltverbands strahlt offenbar auf die kleinen Infantinos in den Landesverbänden ab. Das Spiel am 29. Juni, das bis in den 30sten hineinging, war für den zahlenden Kunden am TV-Gerät eine Zumutung. Ein unentwegtes Ballverteilen, quer über den Platz, ein Zögern weit vor dem Strafraum, immer wieder Ballverluste, die den Paraguayern Möglichkeiten zu Kontern boten. Es war grauslich anzusehen und zum Weinen. Man hatte den Eindruck, dass die Männer, die Deutschland auf dem Platz in Boston repräsentieren sollten, es mit der Repräsentanz ihres Landes zu ernst nahmen. So wie die große Politik viel von Torschüssen (grundlegenden Reformen) redet, aber das Tor (den Schlüssel zu diesen grundlegenden Reformen) nicht findet, so machten auch die Kicker in Weiß nicht den Eindruck, sie wüssten, wo der Ball letztlich hinmuss: ins Tor. Der Gegner versperrte ihnen den Blick und so trafen sie eben nicht. Es führt kein Weg daran vorbei: Der deutsche Fußball ist in klägliche Mittelmäßigkeit versunken. Er schafft es bei Weltmeisterschaften schon lange nicht mehr ins Achtelfinale. Der Trainer hat uns glauben lassen, wir gehörten zur Weltspitze. Schon deshalb muss er gehen. Goethe hat es auf den Punkt gebracht: Ein großer Aufwand, schmählich ist vertan.
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Kostbare Spiele
Damit das gleich klar ist: Häckerling hält den Fußball für einen attraktiven Sport. Er regt die Kleinen zum Kicken auf der Straße an, bewahrt Jugendliche im Verein vor Dummheiten und ist auch in seiner Profi-Variante unterhaltsam. Ich habe auch nichts gegen Wettkämpfe, muss allerdings zugeben, bei den europäischen Wettbewerben den Überblick verloren zu haben. Worin sich Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und olympische Spiele unterscheiden, vermag ich nachzuvollziehen. Die Fußball-WM fand einst in einem Land statt. Heuer erstreckt sie sich über zwei Kontinente. Die Mannschaften fliegen tausende von Kilometer, um von einem Spielort (in Kanada) zum anderen (in Mexiko) zu gelangen. Auch der CO2-Ausstoß ist also weltmeisterlich. Früher gab es eine Vorrunde und eine Hauptrunde. Wer in der Vorrunde ausschied, durfte nach Hause. Das ist der deutschen Mannschaft bei den letzten beiden Weltmeisterschaften gelungen. Damit hat sie die Umweltbelastung aus deutscher Sicht gesenkt. In der Hauptrunde gab es vor dem Endspiel das Achtel- (mit 16), Viertel- (mit acht) und Halbfinale (mit vier Mannschaften). Wer verlor, schied aus. So ist das im Sport. Neu bei der WM 2026 ist das Sechzehntelfinale, an dem 32 (von ursprünglich 48) Teams beteiligt sind. So viele waren es früher zu Beginn der Vorrunde. Bei der nächsten WM 2030 werden vermutlich 64 Mannschaften dabei sein. Dann ließe sich ein Zweiunddreißigstel-Finale mit allen Mannschaften einrichten. Mein Vorschlag wäre, dann auf die Vorrunde zu verzichten. An jedem Spiel, es sind diesmal über 100, verdient der Weltfußballverband. Der Vermögenszuwachs der Funktionäre ist damit gesichert, auch deshalb, weil man die Eintrittspreise der Inflation angepasst hat. Leider ist der Zuschauerzuspruch nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Sind die Leute knauserig geworden, wollen sie keine 100 Dollar für ein Spiel zahlen, das doch immerhin (mit Pausen) fast drei Stunden dauern kann, sofern es erst im Elfmeterschießen entschieden wird? Für einen europäischen Fan kommen allerdings noch ein paar tausend Dollar dazu, wenn er den Hin- und Rückflug und zwei Tage im Hotel einrechnet. Manche sagen, das werde die teuerste WM aller Zeiten. Was für Miesmacher!
Verschossene Bälle
Als sie den Ball mit dem Kopf ins Tor befördert hatte, lag auch die Spielerin Popp im Tor und wollte oder konnte nicht mehr aufstehen. Ein Bild mit Symbolkraft. Sie haben sich angestrengt, aber der Erfolg stellte sich nicht ein. Besagtes Tor wurde wegen „Abseitsstellung“ nicht gewertet. Nun ist der Deutsche Fußballbund in der Krise und wenn man in die Zeitungen und online-Dienste blickt, ist die Krise gewaltig. Der Fußball war lange Zeit das Sinnbild für deutsche Stärke. Nun siecht nicht diese Sportart, es siecht das ganze Land. Woran liegt es? An vielem, unter anderem an der fehlenden Bereitschaft, sich anzustrengen. Man schaue nur auf die deutschen Bundesjugendspiele. Sie sind zum Ringelpiez mit Anfassen degeneriert. Anstrengung Fehlanzeige. Und in der Schule werden die Anforderungen ständig gesenkt, um den Lernenden Misserfolge möglichst zu ersparen. Der Leistungsgedanke ist so diskriminiert, dass kaum jemand mehr wagt, sie zu erbringen. Aber mit Friede, Freude, Eierkuchen trifft man nichts Tor, sondern verschießt die Bälle. Es heißt, dass in der Arbeitswelt die „Work-Life-Balance“ wichtiger sei als die Karriere. Das klingt gut und ist schön für die, denen diese Balance gelingt. Aber wenn dann die Firmen schwächeln, wenn sie Mitarbeiter entlassen, ins Ausland ziehen oder ganz aufgeben, dann ist der Jammer groß. Auch politisch schießen wir ständig daneben. Offenbar fällt niemand etwas gegen die boomende Rechtspartei ein. Sie schießt Tore, während die demokratischen Parteien im Abseits stehen. Wie die deutschen Fußballfrauen fehlt ihnen das Erfolgskonzept zum Gewinn dieses entscheidenden Spiels um die Demokratie.