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Egoistisches Verhalten

Manche halten es für normal und damit entschuldbar: dass jeder sich selbst der Nächste ist. Wenn man im Supermarkt sinnlos Waren hamstert und erst durch Verkaufsbeschränkungen darauf hingewiesen werden muss, dass auch andere Menschen bestimmte Güter brauchen, dann ist das der alltägliche Egoismus im Kleinen. Nun erfahren wir ihn auch auf Länderebene. Deutschland hat es vorgemacht: keine Ausfuhr von medizinischen Artikeln ins europäische Ausland. Auch wenn diese Verfügung bald danach zurückgenommen wurde – es zeigt, wes Geistes auch wir sind. Der Kaufkampf um Schutzkleidung wird mit großer Brutalität geführt. Artikel, die für einen bestimmten Empfänger auf dem Airport bereitstehen, werden von Agenten (oder wie soll man sie nennen?) eines anderen Staats weggekauft. Man zahlt gerne das Dreifache und bootet so die ursprünglichen Empfänger aus. Dass sich die US-Amerikaner bei diesen Aktionen besonders hervortun, verwundert nicht, wenn man sich die Zahlen der in den USA Infizierten ansieht. Sie sind inzwischen drei Mal so hoch wie die in China – gesetzt den Fall, man kann den chinesischen Angaben trauen. Noch nicht vergessen haben wir, dass Trump gerne das Knowhow einer Tübinger Medizin-Entwicklungsfirma exklusiv für die USA erworben hätte. Allmählich wird deutlich, was „America first“ bedeutet: Wildwest-Methoden im Umgang mit anderen Staaten.

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Verschlossene Bibliotheken

Dass Veranstaltungen, bei denen Menschen sich zuhauf begegnen, derzeit nicht möglich sind, leuchtet jedem ein. Unstrittig ist auch, dass man an den Orten, wo man sich die tägliche Nahrung beschafft, Abstand wahrt. Aber Häckerling will nicht in den Kopf, dass die Stätten der geistigen Versorgung zugesperrt sind. Die Buchläden sind zu und die Bibliotheken. Offenbar ist das geistige Wohl nicht so wichtig wie das materielle. Auch Buchhandlungen und Büchereien könnte man unter Wahrung der Distanzen zwischen den Menschen offenhalten. Das fordert jetzt der Schriftstellerverband PEN. Als ich die hiesige Bibliothek mit diesem Ansinnen behelligte, wurde mir eine saftige Belehrung zuteil: Die Schließung ist von Amts wegen erfolgt und daher alternativlos. Sich für eine andere, bessere Lösung einzusetzen, kommt den Herrinnen und Herren über die Buchbestände offenbar nicht in den Sinn. Einen sinnvollen Vorschlag vorzulegen, wie man den geistig darbenden Menschen (und den aufs Abitur Lernenden) die Bücher zugänglich machen könnte, liegt offenbar außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Armes Land Baden-Württemberg. Da hat es einen Philosophen als Ministerpräsident, aber keiner kommt auf die Idee, den Buchhandlungen und Bibliotheken grünes Licht für eine coronaadäquate Lösung zu geben. Vorgeschlagen wird von der Administration, wir sollten Bücher über den Versandhandel kaufen, unsere eigenen Bücher zu Hause noch einmal lesen oder in den Onlinekatalogen der Bibliotheken nach guter Lektüre suchen, die noch nicht ausgeliehen ist. Wie traurig!

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Starker Staat

Ungewohntes erleben wir: dass die staatliche Gewalt massiv in die Freiheitsrechte des Einzelnen eingreift. Die Gründe sind nachvollziehbar, aber es mutet schon eigenartig an, dass den Menschen verboten wird, sich zu versammeln, dass sie gezwungen werden, Abstand zu halten, es verboten ist zu reisen, zu arbeiten, Gaststätten zu besuchen. Dürfen die “da oben” das eigentlich? Ja, sie dürfen es. Sie dürfen sogar den, der sich nicht an die Verordnungen hält, bestrafen. Den starken Staat erleben wir selten. Im Krieg zeigt er sich und auch bei Katastrophen. Sogar seine eigenen Regeln darf er außer Kraft setzen, darf Schulden aufnehmen, soviel er will, darf im Parlament Beschlüsse fassen, auch wenn es nicht beschlussfähig ist, darf Bewegungsprofile der Handys erstellen, uns also überwachen. Bis jetzt hat offenbar noch niemand den Versuch gemacht, dieses staatliche Gebaren verfassungsrechtlich zu überprüfen. Aber das kann noch kommen. Wichtig ist, dass alle Maßnahmen zeitlich befristet sind und damit gekoppelt an die Situation, in der wir uns derzeit befinden. Aber was ist, wenn die Welt der Viren Geschmack an dieser Machtdemonstration findet und uns nächstes Jahr mit einem neuen Corona-Virus überfällt? Das ist zwar statistisch unwahrscheinlich, aber mit dem jetzigen Virus hat auch keiner gerechnet. Dann wird sich die Frage stellen, wie stark der Staat tatsächlich ist und wie lange seine Stärke hält.