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Untergehende Demokratie

Nicht einmal mehr 40 % der Ostdeutschen seien noch Anhänger der Demokratie, sagt der Beauftragte für Ostdeutschland. Sie hängen, so muss man folgern, rechts- und linksradikalen Wortführer*innen an. Man muss neidlos anerkennen, dass die mit viel Geld gefütterte russische Propaganda erfolgreich agiert hat. Ihr Ziel ist es bekanntlich, die Europäische Union von innen heraus zu zerstören und so den Boden für den russischen Imperialismus zu bereiten. Während Putins Soldateska eher mittelmäßig agiert, sind seine KGB-Nachfolger*innen bei der geistigen Unterwanderung des Westens auf dem Weg zum Sieg. Wenn der Kern unseres Gemeinwesens, sein auf demokratischen Prinzipien beruhendes politisches System, kollabiert, dann wehe uns! Die Vorbereitung zu Scheinreferenden laufen nicht nur in der Ukraine weiter, sondern auch im Land des von Russland gekauften Orban. Bei den mit russischem Geld finanzierten italienischen Rechtspopulisten sieht man das neue große Italien in freundschaftlicher Nähe zu Russland. Und wie würde auf dem Gebiet der einstigen DDR ein Referendum im Stile der im Donbass abgehaltenen ausgehen?

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Energische Aufrüstung

Die Nachricht lässt hoffen: Die unter dem Einfluss der russischen Staatssicherheit stehenden und vom Präsidenten gesteuerten in Deutschland agierenden Energieunternehmen Gazprom und Rosneft werden nun vom deutschen Staat verwaltet. Natürlich werden die ihres Einflusses Beraubten sich wehren, und hoffentlich kommt es nicht zu einem juristischen Desaster. Wir haben schon genug Probleme. Es zeigt sich immer deutlicher, dass der kalte Krieg gegen Russland, die Parallelaktion zum Ukraine-Krieg, nicht mit leichter Hand zu gewinnen ist. Er wird jeden Einzelnen etwas kosten, in Form inflationär steigender Lebensmittel und Heizungskosten oder – schlimmer – durch den Verlust des Arbeitsplatzes. Die Nachrichten von Firmen, die zu scheitern drohen, weil sie nicht mehr kostengünstig produzieren können, nimmt täglich zu. Die Regierung kommt mit ihren Rettungsaktionen und Reparaturarbeiten kaum mehr nach. Auch als Zeitungsleser verliert man allmählich den Überblick. Hoffentlich hat ihn das Wirtschaftsministerium noch. Der Normalbürger braucht neue Kenntnisse. Um das Reden und Handeln von Regierung und Opposition kritisch bewerten zu können, bedarf es gewisser Kompetenzen in Betriebs- und Finanzwirtschaft. Um den Kriegsberichten kundig folgen zu können, bedarfs eines militärischen Elementarwissens. Aber woher nehmen? Es ist zu hoffen, dass die Schülerinnen und Schüler derlei heutzutage in der Schule lernen. Aber von welchen Lehrkräften? Die sind auch aus einer anderen Zeit. Werden sie fortgebildet oder haben sie die heute gefragten Kenntnisse schon intus. Wenn nicht, bedarf es auch in der Lehrerfortbildung einer energischen Aufrüstung.

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Georgische Wirren

In Nino Haratischwilis Roman „Das mangelnde Licht“ (2022, Frankfurter Verlagsanstalt) geht es um vier Freundinnen, die im Tiflis der 1990er Jahre aufgewachsen sind: Nene hat Freude an Männern, Ira ist sehr klug und lesbisch, findet aber bei Nene kein Gehör, Dina ist mutig und eine begabte Fotografin, Keto ist die Vermittelnde in diesem Quartett. Sie leidet unter den familiären Spannungen und den Konflikten zwischen den Freundinnen. Sie ritzt sich, um sich durch Schmerzen zu entlasten. Keto erzählt aus dem Abstand von 30 Jahren die Geschichten der vier jungen Frauen. Die wären normaler verlaufen, wenn sie nicht in Georgien während der postsowjetischen Wirren nach 1991 gelebt hätten. Georgiens Weg in die Selbstständigkeit war schwierig. Warlords und Gangs regierten. Präsident Schewardnaze gelang es nicht, das Land zu stabilisieren. Die Russen verfolgten ihre Interessen. Die Brüder der Mädchen geraten in mafiöse Verwicklungen. Der Heroinhandel bietet ihnen die Chance, reich zu werden. Die jungen Frauen werden zu Schachfiguren der Männerwelt. Es kommt zu Streit, zu gewaltsamen Todesfällen. Das Land wirtschaftet ab; der Hunger nimmt zu. Hoffnungslosigkeit breitet sich aus. Dina reüssiert als Journalistin und Fotografin. Sie liebt Ketos Bruder Rati und versucht vergeblich ihn aus den Fängen der Sucht befreien. Verzweifelt ob der privaten und politischen Situation bringt sie sich um. Die Freundinnen verstehen diesen Freitod nicht. Jahrzehnte später treffen sie sich in Brüssel. Eine Ausstellung mit Fotos von Dina, die Georgiens schwere Zeiten und ihre Freundschaft dokumentiert, wird eröffnet. In dieser Brüsseler Nacht gelingt es ihnen, das zur Sprache zu bringen, was lange als Last und Schuld zwischen ihnen gestanden hat. Nino Haratischwili verbindet in diesem eindringlich erzählten Roman die Verletzungen ihrer Heimat Georgien mit denen der vier Frauen.