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Achtfacher OB

Es gibt in Sindelfingen eine Stadtzeitung, das „Amtsblatt“, wie es auch genannt wird. Auf einer Seite kann die Verwaltung darin der Bürgerschaft kundtun, was ihr wichtig geworden ist in der zurückliegenden Woche. Der inzwischen in den Ruhestand getretene OB zeigte sich auf dieser Seite gerne auf Fotos mit Bürgerinnen und Bürgern. Sein Rekord: sieben Konterfeis auf einer Seite. Seit August hat die Stadt einen neuen OB. Man durfte gespannt sein, wie er sich in der Fotofrage platzieren würde: zurückhaltender oder noch eitler. Nun wissen wir es. In der neuen Ausgabe der Stadtzeitung, Nummer 38 vom 19. September, sieht der beglückte Bürger „seinen“ OB gleich acht Mal: unter anderem bei einer Mode Fashion, in einem Ruderboot, als Maurer und im Freibad. Er ist offenbar ständig unterwegs und lächelt in die Kamera. Natürlich ist dem Schreiber dieser Zeilen klar, dass der Neue alles tun muss, um bekannt zu werden. Die Sindelfinger sollen wissen: Ihr habt einen Bürgermeister, der überall präsent und sich nicht zu schade ist, die Aktivitäten in „seiner“ Stadt (Modeschauen, Festivitäten, sogar die Altenpflege) zu würdigen. Man fragt sich: Wann arbeitet der Mann eigentlich? Wann sitzt er an seinem Schreibtisch, wann berät er sich mit seiner Mitarbeiterschar, wann leitet er eine Sitzung der gewählten Gremien? Aber vielleicht sehen wir davon demnächst auch Fotos in der Stadtzeitung.

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Neuer Oberbürgermeister

Die große Kreisstadt S. im Kreis BB musste einen neuen Oberbürgermeister wählen. Der alte hatte nach 24 Jahren genug davon und vielleicht auch die Bürger von ihm. Am ersten Wahlgang nahmen acht Kandidaten und eine Kandidatin teil. Er brachte kein Ergebnis, weil niemand die 50%-Marke knackte. So musste zwei Wochen später noch einmal gewählt werden, nach dem neuen Recht, das eine Stichwahl unter den zwei Kandidaten vorsieht, die bei der ersten Wahl vorne liegen. Sieger wurde Herr K., der gut 70 Stimmen mehr bekam als Herr R. Nachdenklich stimmen ein paar Beobachtungen. Erstens: Die Wahlbeteiligung im zweiten Wahlgang war mit gut 36% noch etwas schlechter als im ersten (etwa 38%). Der Sieger wurde also von etwa 18% der Wahlberechtigten gewählt. Zweitens: In der Kernstadt hatte Kandidat R. die Nase vorn, im Teilort M. war es K., der die meisten Stimmen bekam. Der Teilort hat also das Ergebnis der Wahl bestimmt. In der Kernstadt hat der neue OB keine Mehrheit. Drittens: Es haben relativ wenige junge Menschen an der Wahl teilgenommen. Im Wahllokal des Blogschreibers hat sich kein 16-Jähriger gezeigt, obwohl diese Altersgruppe bei kommunalen Wahlen stimmberechtigt ist. Das Wahlalter zu senken genügt also nicht, um das demokratische Bewusstsein der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu stärken. Viertens: Gegen den Kandidaten R. wurde vorgebracht, er sei mit 25 Jahren „zu jung“ für ein solches Amt. Das Mindestalter für die Wählbarkeit zum Bürgermeister beträgt 18 Jahre. Der Kandidat war also sieben Jahre älter als notwendig. Es ist ein bedenkliches Zeichen, wenn der politische Diskurs mit Diskriminierungen aufgrund des Alters geführt wird. Fünftens: Der erfolgreiche Kandidat warb mit seiner Bürgermeister-Erfahrung in einer Gemeinde mit weniger als achttausend Einwohnern. In der Stadt S. wohnen fast zehn Mal so viel und sie hat ganz andere Probleme. Ob Herr K. den Sprung von der Kreisklasse in die zweite Bundesliga schaffen wird? Er hat acht Jahre Zeit dazu.

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Offene Fragen

In Sindelfingen gab es am 15. November einen zweieinhalbstündigen Geschichtsunterricht im Odeon, dem Saal der Jugendmusikschule. Gesprochen hat der österreichische Historiker Stefan Karner. Sein Thema: Siegfried Uiberreuther. Er war in den Jahren 1938 bis 1945 der mächtigste Mann der Steiermark und ein gehorsamer Diener seiner nationalsozialistischen Herren. Er hat viele Menschen auf dem Gewissen und war vor auch an der Erstellung des sinnlosen Ostwalls beteiligt, der Tausenden jüdischen Mitmenschen das Leben gekostet hat. In Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ lässt sich diese üble Geschichte nachlesen. Uiberreuther hat es nach dem Krieg geschafft, sich der fälligen Strafe zu entziehen. Er floh und galt lange Zeit als verschollen. Manche vermuteten ihn in Argentinien. Erst Jahre nach seinem Tod 1984 wurde öffentlich bekannt, dass er mit seiner Familie in Sindelfingen Unterschlupf gefunden hatte. Die Familie bestand aus seiner Frau, einer geborenen Wegener, die Tochter des berühmten Geowissenschaftlers Wegener, und aus drei Söhnen, die alle in Sindelfingen eine neue Identität bekommen haben. Die Firma Bitzer nahm Uiberreuther, der sich nun Schönharting nannte, als Mitarbeiter auf, die Stadtverwaltung Sindelfingen versorgte ihn mit neuen Papieren. Am Ende der Veranstaltung blieben einige Fragen offen: Warum ging der Kriegsverbrecher aus der Steiermark ausgerechnet nach Sindelfingen? Hat er dort in frommen Kreisen Verständnis für seine mörderische Vergangenheit bekommen? Welche Rolle hat der damalige Oberbürgermeister gespielt, den man auch zu den Frommen im Lande Württemberg zählen durfte? Wer hat sonst noch Bescheid gewusst, den Mund gehalten und sich damit der Strafvereitelung schuldig gemacht?