Von Rau zu Schick

Einem Land, das sich in der Spitzengruppe der Bundesländer wähnt, vor allem im Hinblick auf sein Bildungswesen, war ein Minister mit der Note vier plus offenbar nicht mehr zuzumuten. Daher durfte Herr Rau gehen und Frau Schick Platz machen. Die soll es nun richten und Baden-Württemberg wieder im oberen Notenbereich etablieren. Dabei steht die Neue vor einer schwierigen Aufgabe; sie soll Kontinuität und Veränderung zugleich repräsentieren.

Ihr Ansatz leuchtet ein: keine neuen Reformen, dafür „mehr Zeit“ zur Stabilisierung des bisher Erreichten. Damit kommt sie denen entgegen, die geklagt haben: „Uns fehlt die Zeit, das Neue umzusetzen.“ Denen wird nun eine Ausrede abhanden kommen. Doch es gibt viele andere, denen die ganze Richtung nicht passt, die man schon unter Frau Schavan eingeschlagen hat: achtjähriges Gymnasium für alle, Zementierung des dreigliedrigen Schulwesens, Abkehr vom klassischen Unterrichtskonzept durch den Bildungsplan 2004, verpflichtende Evaluation der Schulen usw. Denen und deren hinhaltendem Widerstand gegen alle Veränderungen wird man mit dem Konzept „mehr Zeit“ nicht beikommen.

Es wird nun darum gehen, die geschenkte Zeit sinnvoll zu füllen, zum Beispiel mit einer (verpflichtenden) Fortbildung, die – auf der Grundlage des theoretischen Konzepts der Standard- und Kompetenzorientierung – ganz praktisch und praxisnah vermittelt, wie aus hehren pädagogischen Zielen ein lebendiger Unterricht werden kann. Oder zum Beispiel auch mit einer Informationspolitik, die den Erfordernissen der Nachhaltigkeit gerecht wird. Wird die eben erst gestartete „Qualitätsoffensive“ Bestand fortgesetzt? Man könnte sie noch einmal durchdenken. Es wird (nicht nur im Unterricht) zu viel gesagt, was zum einen Ohr rein und zum anderen rausgeht, und es wird zu viel glänzendes Papier bedruckt und verteilt, was anschließend glanzlos vergammelt. Man muss mit den Schulen, den Lehrern, den Eltern und Schülern mehr ins Gespräch kommen.

Die neue Ministerin, sie möge Erfolg haben; dafür gönne man ihr „mehr Zeit“.

(Blog-Eintrag Nr. 157)

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2 Kommentare zu Von Rau zu Schick

  1. Boris sagt:

    Das klingt fast nach etwas Neuem. „Mehr Zeit“ verlangen ist nicht das, was man von einem Nachfolger erwartet. In der Regel hält man eine gewisse Schonfrist ein, um den Vorgänger nicht zu beleidigen (weil man das ja selbst auch nicht möchte, wenn man, was man sicher tun wird, irgendwann seinen Hut nimmt), und dann bringt man etwas Neues, um sich zu profilieren. Daher an dieser Stelle ein dickes Lob für Frau Schick. Dass Veränderungen ein starker Wind entgegenbläst, wird sich nicht ändern. Aber dieser Wind läst nach, weil die Backen der Puster müde werden mit der „Zeit“.

  2. Cantor sagt:

    Schade, dass Frau Schick als Unternehmensvertreterin nicht die FDP-Parteikarte gezogen hat, die ihhr besser zu Gesicht gestanden hätte.
    Die Bewertung ihrer schulischen Leistungen sollte erst am Ende des Schuljahres vorgenommen werden.

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