Flüchten oder standhalten

Da ist man für ein paar Tage weg und muss nach der Rückkehr sehen, wie schnell sich die Welt in so kurzer Zeit verändert hat. Banales ist geschehen – eine (deutsche) Mannschaft mit netten jungen Menschen bereitet sich in Südafrika aufs Kicken vor und eine junge Frau, eine Abiturientin, aus Hannover hat sich Europa ins Herz gesungen. Auf den Weg gebracht wurde schon lange Anstehendes – das Sparen der öffentlichen Hand, genauer muss man wohl sagen: das Einsparen. Nachdem unsere Politiker, getrieben von Krisenangst, diverse Schirme aufgespannt und jede Menge Pakete geschnürt haben, um unsere Finanz- und Wirtschaftswelt und damit auch uns Bürger vor dem Untergang zu retten, geht es jetzt darum, die Rechnungen zu schreiben. Das war zu erwarten.

Nicht zu erwarten war der Verlust des Bundespräsidenten. Als Horst Köhler kam, kannten wir ihn nicht (Bild titelte: „Horst wer?“), nur ein Gymnasium in Ludwigsburg und die Gemeinde Mönchberg bei Herrenberg im Kreis Böblingen hatten Erinnerungen an ihn, als Schüler oder Flüchtling. Nun hat er, wie man gerne sagt, „hingeschmissen“ und Bild konnte titeln: „Horst weg!“

Natürlich darf das ein politischer Profi nicht; der muss alles aushalten, muss lächeln, wenn man ihn durch den Kakao zieht (Richling konnte das bei Köhler besonders gut), muss reden, auch wenn es nichts nützt, muss präsent sein, auch wenn er sich gerne verkriechen möchte. Mit Rücktritt droht man allenfalls, um etwas durchzusetzen, oder man vollzieht ihn, weil man „Dreck am Stecken“ hat. Aber einfach so zu gehen, weil man keinen Sinn mehr in der Arbeit sieht?

Das war nicht professionell, aber menschlich. Offenbar wollte Köhler Mensch bleiben. Häckerling kann das respektieren.

(Blog-Eintrag Nr. 186)

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3 Kommentare zu Flüchten oder standhalten

  1. Nana sagt:

    Ich würde mich sehr freuen, sähe neue Hoffnungschancen der Motivierung zur Beschäftigung mit politischen Fragen für viele, wenn Joachim Gauck Bundespräsident würde.

  2. Boris sagt:

    Traurig ist, dass sich die Deutschen anstellen wie die Griechen: sparen ja, aber nicht bei mir. Und wenn sparen, dann bitte bei denen, die alles am Laufen halten, und nicht bei denen, die nur nehmen (ok, ich weiß, jetzt hab ich mir nicht gerade Freunde gemacht, aber es kann nicht sein, dass Leistung noch stärker bestraft wird als bisher, siehe Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“).

    Horst Köhler ist ein freier Mensch. Zwar verpflichtet dieses Amt (wie jedes Amt) dazu, auch mal die Zähne zusammenzubeißen, wenn’s mal nicht läuft, aber was viele übersehen, ist, dass Köhler selbst immer weniger Einfluss auf das politische Geschehen hatte. Für ein Marionettenamt braucht man nicht die Zähne zusammenzubeißen, da kann man dessen Machtlosigkeit auch durch Loslassen aufzeigen.

    Ich bin klar für Gauck, die CDU hat schlecht gewählt bei ihrem Kandidaten, und Herr Gauck trat schon für die CDU an und ist daher auch für diese wählbar. Wirkliche Schande bringt die Linke über sich, als ewige Querläuferin eine Kandidatin aufzustellen, die einen interessanten Vornamen, aber keinerlei Chancen hat, zeigt, dass „Opposition“ offenbar mit „größtmöglich unsinniger Behinderung des Systems“ gleichgesetzt wird.

  3. Tobi sagt:

    Ich kann Herrn Köhler zwar irgendwie auch verstehen, aber andererseits geht das so nicht. Wenn man für das höchste Amt im Staat gewählt wird (was mir nie vergönnt sein wird und vielen anderen mit Grips im Kopf auch nicht), dann hat man dieses Amt auszufüllen. Er hätte jeden Tag jemandem öffentlich die Leviten lesen können (es gab genügend Gelegenheiten, und ein paar hat er auch genutzt), er wurde – wenn er nicht monatelang in der Versenkung verschwunden war – gehört. Das Afghanistan-Interview ist an Harmlosigkeit schwer zu überbieten, und was drin steht ist europäische Leitlinie.

    Aber wenn man dann in einer so weinerlichen Art und Weise abtritt, obwohl man sich als Wirtschaftskenner und Banker ja an sich in der aktuellen Situation zumindest „Herausforderungen“ gegenüber sieht (Probleme gibt es ja wie überall eigentlich keine), dann ist das einfach schwach. Erklärung dafür könnte sein (aus Sicht Köhler):
    „Ich glaube nicht, dass die Idioten von Profipolitikern zusammen mit den Vollspaten von Bankern und den Schwachmaten von Lobbyisten den Karren noch aus dem Dreck ziehen können, und das will ich mir nicht länger von oben anschauen“ – das wäre dann eine klare Aussage gewesen. Oder er hätte gesagt: „Ich kann und will nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, dass niemand hinter mir steht und dass diejenigen die mich in das Amt gebracht haben, mir nur noch in den Rücken fallen“. Das wäre nachvollziehbar gewesen und hätte unserem „Möchtegern-Vizekanzler“ Klein-Guido und unserer „alternativlosen Mutti Merkel“ wenigstens noch ordentlich Dampf gemacht – was dringend nötig ist in diesen Zeiten.

    Nun sehe ich es auch ein: er musste zurücktreten. Schade nur, dass es keinerlei Konsequenzen zu geben scheint.

    Ansonsten: Wulff soll es werden, damit er Merkel aus dem Weg ist. Schließlich gilt es Kohls Amtszeit zu toppen… was wer auch immer verhüten möge!

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