Unklare Botschaft

Eines der landesweit eingesetzten Wahlplakate der Freien Wähler für die anstehende Kommunalwahl trägt die Botschaft: „Bildung wachsen lassen“. Darauf ist ein Schulkind zu sehen, das auf ein paar Büchern steht, damit es größer wird. Die abgebildeten Bücher sind allesamt nicht für diese Altersstufe geeignet. Aber des Kindes Bildung soll ja noch wachsen.

Das unterste Buch, das Fundament also des in seiner Bildung wachsenden Kindes, trägt den Titel „Franz Kafka – Werke“. Nicht Goethes oder Schillers Werke, nicht die von Kleist oder Mörike, kein Buch von Thomas Mann oder Hermann Hesse – nein, die Werke des Franz Kafka.

Warum haben die Werbestrategen der Freien Wähler ausgerechnet ihn genommen, diesen zwar leicht zu lesenden, aber schwer zu deutenden Schriftsteller? Diesen Autor, dem es wie kein Zweiter gelingt, das deprimierende Misslingen von Lebensentwürfen zu gestalten, der an seiner Familie, seinem Beruf, seinen Beziehungen so sehr gelitten hat? Er soll als Fundament wachsender Bildung taugen. Da habe ich meine Zweifel.

Wer ihn liest, braucht Deutungshilfe. Seine Texte kann man nur unter der kundigen Anleitung von Lehrenden verstehen. Bildung einfach wachsen lassen, das geht mit Kafka vermutlich nicht.

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8 Kommentare zu Unklare Botschaft

  1. Boris sagt:

    Zeugt die Wahl der Bücher Ihrer Meinung nach eher von Fahrlässigkeit der Werbespezialisten, (hatten sie die Bücher gerade zur Hand) oder von mangelndem Wissen über das Buch (Kafka kennen viele dem Namen nach, was er schreibt aber nicht so viele) oder wurde es gerade wegen der momentanen Lage (welche manche als misslich empfinden) ausgewählt?

    • haecker sagt:

      Die Werbeetats sind groß genug, um jedes erdenkliche Buch damit zu bezahlen. Die anderen Titel passen ja „irgendwie schon“ zur Botschaft des Plakats. Nur Kafka (meines Erachtens) nicht.
      Der Gedanke, mit Kafka werde auf die derzeitige Lage verwiesen, hat etwas Bestechendes. Allerdings glaube ich kaum, dass die Werbemenschen so tief gedacht haben. Es wird eher so sein: Kafka kennt man, hier haben wir einen, warum ihn nicht unten hinlegen und das Kind draufstellen? So genau schaut sowieso keiner auf das Plakat.

  2. Nana sagt:

    Auf Kafkas „Werken“, zu denen es keine (end)gültigen Deutungsversuche gibt, liegt ein Klassiker des 1988 verstorbenen Physikers Richard P. Feynman: „Es ist so einfach: Vom Vergnügen, Dinge zu entdecken“. Der Autor ist Interessenten als großer Wissenschaftler und engagierter Vermittler physikalischen Denkens bekannt (vergleichbar Martin Wagenschein in der Pädagogik und Physikdidaktik). Darüber befindet sich ein sehr dickes Buch, das ich nicht kenne: „Lernen heute – Der Schlüssel zum Erfolg“. Zuoberst und auf den Kopf gestellt dann John Brokmans vergleichbar schmaler Band: „Die nächsten fünfzig Jahre. Wie die Wissenschaft unser Leben verändern wird“, worin es um (teils schon wieder überholte) Prognosen von Wissenschaftlern zu künftigen Entwicklungen geht. Gemeinsam ist den Büchern dieses kleinen, den Betrachter anregenden Stapels (allerdings hängen viele Plakate zu hoch, um die Titel darauf gut erkennen zu können), dass sie in erster Linie nicht klare Antworten geben, sondern Haltungen zeigen und zum selbständigen Denken ermutigen.

    In creativer Destruktion spielt das Plakat, in dem das Kind sich auf den Büchern riskant auf die eigenen Fußspitzen gehoben hat, um (was?) zu erkennen oder zu erreichen, auf die Metapher der „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ an. Dies Kind steht nicht fest auf einem allgemein verbindlichen, klaren Bildungskanon, sondern auf einem individuell gefärbten bildungskritischen Angebot, das es vorerst lediglich „benutzt“, um aus eigener Kraft weiter zu kommen.

    Im “Namen der Rose“ lässt Umberto Eco über den wissenschaftlichen Geist radikal sagen: „Er muoz gelichesame die leiter abewerfen, so er an ir ufgestigen.“ Hoffentlich wird das Kind die Bücher zuvor noch gelesen haben!

    • haecker sagt:

      Das Schöne an unseren Deutungen ist, dass sie den Gestaltern des Plakats Gedanken unterstellt, die sie vermutlich gar nicht gehabt haben. Meinen die tatsächlich, des Kindes Bildung wachse auf der Grundlage von Büchern wie diesen? Oder meinen sie, Bücher taugten wie Stelzen allenfalls als Leiter-Ersatz? Oder darf ich den Werbeleuten (und damit auch den Freien Wählern) den Gedanken unterstellen, sie wollten ausdrücken, Bücher seien gar nicht mehr wichtig und könnten mit Füßen getreten werden?
      Der Wahlkampf ist vorbei. Die Plakate werden verschwinden, ihre Geheimnisse ungelüftet bleiben. Die Politik wird sich wie immer nicht um ihre Versprechen und Visionen von vor der Wahl kümmern, sondern pragmatisch weiterwursteln.

  3. Boris sagt:

    Mangelnde Liebe zum Detail ist aber ein schlechtes Zeichen, zumal man davon ausgehen kann, dass jedes Plakat ( allein wegen der Kosten ) vor seiner Abnahme durch die Partei geprüft wird.
    Es würde sich lohnen die anderen Parteiplakate auf ähnliche Schnitzer zu untersuchen. Sind Ihnen welche bekannt ?( ok die meisten bieten eher weniger handfeste Abbildungen, und somit eher politische denn objektive Angriffsfläche )

    • haecker sagt:

      Eine heute von mir befragte Kandidatin der Freien Wähler signalisierte wenig Problembewusstsein zum Kafka-Bild. Die „Partei“ (kann man bei den Freien Wählern davon reden?) hat vermutlich das Konzept auf Landesebene „eingekauft“; vor Ort dürfte man sich über die Details wenig Gedanken gemacht haben. Immerhin: die Plakate regen zum Nachdenken an, mehr als die bloßen Konterfeis mit den Leerformeln. Und dann gibt es ja auch noch WUMS von den Grünen.

  4. Nana sagt:

    Die Plakate zur Europawahl hatten die Aufgabe, für die jeweilige Autorenpartei einzunehmen. Dies konnte eher explizit geschehen oder eher implizit (z.B. durch die Ausstrahlung der Hauptkandidatin). Ideal sollten sich beide Wirkungen ergänzen. Real entschied die Interpretation des Betrachters. Wie Fromm es beschrieben hat: “Denn nie spiegeln wir uns so, wie im Urteil über den Anderen.”

    Ob wir in der Diskrepanz zwischen den schwergewichtigen Büchern und den sich darauf hebenden Kinderfüßchen eher den Appell an die pädagogische Geduld mitlesen wollten oder die Botschaft, dass Bücher, die unser eigenes Verständnis geprägt haben, langfristig noch die kommende Generation inspirieren werden, oder ob wir uns angesichts des Plakats damit auseinander setzten, dass – vorübergehend oder auch dauerhaft – Zugänge, die uns am Herzen liegen, künftig verkannt, „mit Füßen getreten“, oder, weniger drastisch, grundlegend neu interpretiert werden müssen – dies war im Bild des Plakats, absichtlich, denke ich, nicht festgelegt. Der eine Betrachter empfindet das als der komplexen Realität nachempfundenen Reichtum, Problemgehalt und Freiheit, der andere als Mangel an Lösungen und Unklarheit.

    Die freien Wähler werden nun kaum Gelegenheit haben, die Arbeit des künftigen Europaparlaments zu prägen. Dass bei der Wahl also nicht in erster Linie die ästhetische Qualität von Werbung ausschlaggebend war, sondern Vernunft und Gesamtintuition, empfinde ich als beruhigend. – Hier war auch interessant mit dem Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für Politische Bildung zu experimentieren. Was spielt überhaupt im Wahlkampf und in der Politik die entscheidende Rolle? Und wie ist zu interpretieren, dass eine hohe Prozentzahl von Wählern sagte, sie hätten sich erst in den letzten Stunden vor der Wahl endgültig entschieden, wen sie wählen würden (oder eben nicht)?

    Unabhängig von der politischen Entscheidung würde ich bei einem ästhetischen Wettbewerb unser umstrittenes Plakat doch auf einen der vorderen Plätze setzen.

  5. Tobi sagt:

    @Nana:

    das finde ich auch. Immerhin spielen Bücher sonst ja kaum noch eine Rolle in der Politik. Eher Waffen, Laserwaffen, virtuelle Waffen etc. – und deren Missbrauch. Konkret zum Beispiel die Debatte in Karlsruhe um die Absage der Computerspielnacht.

    Natürlich können Bücher auch Waffen sein, aber das würde nun zu weit gehen…

    Das Konterfei von „Miss FDP“ scheint ja partiell zumindest gewirkt zu haben – sogar in unserem schwarzen Heimatdorf im Badischen ist die FDP auf fast 10% der Europawahlstimmen gekommen.

    Die Nichtwähler sollten verpflichtet werden (oder sich zumindest verpflichtet fühlen), im Wahllokal einen leeren Stimmzettel einzuwerfen. Dann wäre endlich die Debatte um die Motivation geklärt. 50 EUR Bußgeld pro Nichtwähler würden nicht mal Opel retten, aber einen weiteren Verwaltungsakt implementieren, von denen es sowieso schon viel zu viele überflüssige gibt.

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