Unbekömmlich – das europäische Schulobst

Eine gelungene Schlagzeile: „Das Schulobstprogramm schmeckt den Städten nicht“ (Stuttgarter Nachrichten, 9.10.09). Auch das, was sie zum Ausdruck bringt, ist unbekömmlich, weniger der Finanzierungsprobleme wegen, die den Kommunen schwer im Magen liegen, als aufgrund der pädagogischen und bürokratischen Begleiterscheinungen.
Das Programm soll im Frühjahr beginnen. Welches Obst soll da verteilt werden? Europäische Bananen, gibt es die im März? Die Kirschen sind noch nicht reif. Die Zwetschgen und Pflaumen könnten allenfalls als Dörrobst gereicht werden. Die Beeren liegen in der Tiefkühltruhe oder als Marmelade auf dem Frühstücksbrot. Da bleiben nur noch die teuren eingelagerten Äpfel übrig. Doch wir wissen: „Ein Apfel täglich – der Gesundheit zuträglich“. Das gilt auch für die Schulkinder.

Wie kommt der Apfel zum Schulkind? Es müsste eine wöchentliche oder monatliche Zulieferung organisiert werden, am besten gekoppelt mit der ins Auge gefassten Schulmilchzufuhr. Das Obst ist dann, getrennt nach Früchten, im Keller der Schule zwischenzulagern. Die hygienische Unbedenklichkeit des Lagerplatzes wäre vom Gesundheitsamt zu prüfen. Was die Verabreichung des Obstes angeht, so müsste man zuerst die Frage klären, ob die Schülerinnen und Schüler es essen dürfen oder müssen. In beiden Fällen hätte die Schulkonferenz darüber zu beraten und zu beschließen.

Und wer verteilt die Äpfel oder Birnen, die Bananen oder Melonen? Der Klassenlehrer in einer seiner Stunden? Das wäre gefährlich, denn er könnte versucht sein, selbst vom Obst zu naschen. Das aber untersagt die EU strikt. Wie wäre es mit dem Hausmeister in einer Pause? Oder Eltern, die sich freiwillig für diese Arbeit melden? Auch Schüler kämen in Frage; sie würden sich (unter der Obhut der SMV) wahrscheinlich gerne darum kümmern, wenn man sie zur Vorbereitung der Obstausgabe früher vom Unterricht freistellte.

Wann soll man das Obst verteilen? Die EU verbietet eine Koppelung mit dem Mittagessen (Sperrfrist: 30 Minuten davor und danach), obwohl Obst als Nachtisch durchaus sinnvoll wäre. Also bleibt nur die große Pause. Da aber viele Schüler ohne Frühstück zur Schule kommen, könnte man sich auch die erste Stunde vorstellen.

Die Europäische Union, die sich die Aktion Schulobst etwas, wenn auch nicht viel, kosten lässt, möchte wissen, ob dadurch das Essverhalten der Schüler nachhaltig verändert wird. Dazu wäre eine wissenschaftliche Begleitung nötig. Häckerling schlägt eine Promotion mit folgendem Thema vor: „Der Einfluss eines regelmäßigen Schulobstverzehrs auf die Essgewohnheiten und den Gesundheitszustand von Fünfzehnjährigen“. Man könnte dann (als Synergieeffekt) zugleich untersuchen, ob sich das Schulobstprogramm positiv auf die PISA-Leistungen auswirkt.

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2 Kommentare zu Unbekömmlich – das europäische Schulobst

  1. Boris sagt:

    Gesunde Ernährung gehört, wenn überhaupt, in den Biologieunterricht. Ansonsten ist das Sache der Eltern. Wenn eine Schule eine Cafeteria hat, kann man Ungesundes verbannen oder bei Ganztagsschulen mehr Obst auf den Essensplan bringen, aber alles andere ist einfach nur undurchführbar.

    • haecker sagt:

      An Boris: Obst ist gesund, Milch auch. Schulobst und Schulmilch sind gut gemeint, aber bürokratische Monster. Ich sehe es auch so: Die Schule kann Obst und Milch als gesunde Ernährung empfehlen und auf die Gefahren von Burger mit Cola hinweisen, aber sie kann das Gesunde nicht verabreichen. Das ist in der Tat Sache der Eltern. Die auf ihre Verantwortung für die Ernährung der Kinder hinzuweisen wäre eine europäische Aufgabe. Sie würde auch Geld kosten, aber das wäre sinnvoller ausgegeben.

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