Überfällig – evangelische Kirchenreform

Die beiden großen christlichen Kirchen klagen über die hohe Zahl der Austritte. Bald kann man nicht mehr von „Volkskirchen“ reden. Deren Zeit scheint, wie auch die der „Volksparteien“, vorbei. Zu sein. Ein unumkehrbarer Trend? Eine unausweichliche Entwicklung? Ein unabwendbares Schicksal? Warum verlassen die religionsmündigen (über 14 Jahre alten) Bürger „ihre“ Kirche? Sie empfinden sie offenbar nicht mehr als ihre. Warum nicht?

Gerne wird auf die ökonomische Seite verwiesen. Die Kirchensteuer ist nicht gerade niedrig; sie wird automatisch vom Gehalt abgezogen. Das Geld fehlt. Wer kurzarbeitet, merkt das. Neuerdings werden bei Kapitalerträgen nicht nur die Abgeltungssteuer und der Solidarzuschlag, sondern auch die Kirchensteuer gleich mit abgebucht. Dagegen kann man sich nur schützen, wenn man seinen Austritt aus der Kirche erklärt.

Aber die Geldfrage erklärt nicht alles. Auch nicht die ebenfalls das Ökonomische berührende Frage nach dem Verhältnis von Preis und Leistung. Was zahle ich, was bekomme ich dafür? Wer nicht arm ist und einer kirchlichen Einrichtung sein Leben verdankt, nicht in den Gottesdienst geht, nicht heiratet und keine Kinder taufen lässt, bekommt so gut wie nichts zurück, außer der kirchlichen Bestattung am Ende seiner Tage.

Ich behaupte, man geht aus der Kirche, weil man nichts mehr von ihr erwartet. Die protestantische Kirche ist in ihrer gepflegten Routine, ihrer starren Struktur und ihrer langweiligen Außendarstellung nicht attraktiv. Sie spricht die Menschen nicht an – in doppelter Hinsicht. Sie äußert sich kaum oder unverständlich; ihre Botschaft, das Besondere, was sie zu verkündigen hat, bleibt oft in überkommenen Formeln stecken. Sie weist keine Wege oder ihre Wegweisung wird nicht wahrgenommen.

Heute allerdings (2.12.09) lese ich, dass der evangelische Dekan von Böblingen an der gestrigen Demonstration der Sindelfinger Daimler-Mitarbeiter teilgenommen, dort gesprochen und dafür auch Beifall bekommen hat. Es geht also auch anders.
(Blog-Eintrag Nr. 116)

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