Klientel und Wähler

Ein Unwort breitet sich aus, nein, ein ganz renommiertes, aus dem Lateinischen stammendes Wort bekommt einen üblen Klang, und zwar als Kompositum: Klientelpolitik. Bei den alten Römern war die clientela die Gesamtheit der „Hörigen“, also der Abhängigen. Zu den Zeiten, als das Bürgerliche noch nicht obsolet war, hatten Anwälte und Ärzte eine Kundschaft, die man Klienten oder Klientel nannte. Aber nun ist alles schlimmer geworden; die Klientelpolitik ist entstanden.

Das ist keine Politik für die Kunden von Ärzten oder Anwälten, sondern aus der Sicht von Roten und Grünen für Ärzte und Anwälte. Die gelten gemeinhin als Wähler von CDU und FDP. Weil diese beiden Parteien dem Anschein nach Gesetze zugunsten dieser Wählergruppen machen, betreiben sie nach Ansicht der Opposition Klientelpolitik. Damit wird etwas Böses zum Ausdruck gebracht. Denn wer sich für diese Bevölkerungsgruppe einsetzt, tut Schimpfliches.

Was Rot oder Grün machen, wenn sie es denn können, ist dagegen gut. Sie machen auch Gesetze, die ihren Wählern zugutekommen, die der Gewerkschaft gefallen oder den Sozialverbänden. Aber das Edle an Rot und Grün ist, dass sie immer ans Ganze denken und nie nur ihre Wähler im Blick haben, geschweige denn so etwas Übles wie eine Klientel.

Wir lernen daraus: Parteien, die ihren Wählern etwas Gutes tun, sind dann böse, wenn diese Wähler eine (bürgerliche) Klientel darstellen, diese Parteien sind aber gut, wenn ihre Wähler sogenannte „Stammwähler“ sind, um die sie sich auf uneigennützige Weise kümmern.

(Blog-Eintrag Nr. 218)

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2 Kommentare zu Klientel und Wähler

  1. Bee sagt:

    Meine Lateinschüler haben gerade gelernt, dass das Verhältnis von Anwalt (patronus) und Klient eines der gegenseitigen positiven Abhängigkeit ist. Der Klient kommt jeden Morgen zum Patron, um seinen Gruß zu entbieten und seine Bitte vorzutragen. Dann bekommt er vielleicht eine Zuwendung in Form von Geld oder Naturalien. Er verpflichtet sich im Gegenzug, die Wahl des Anwalts zu unterstützen.
    Die Übertragung dieses Systems auf die heutige Zeit ist schwierig: Müssen sich Hartz IV-Empfänger jeden Morgen zu früher Stunde bei ihrem „Wohltäter“ melden? Nein, sie dürfen zuhause bleiben. Gibt es so etwas wie Lobbyisten in der Politik. Naja, wenn es nicht gerade um Hoteliers geht?
    Wer oder was eine Lobby hat in diesem diesem Land, ist dem Bürger zu großen Teilen verborgen, fürchte ich. „Ich nenne meine Spender nicht“, sagte einst einer, der gestern fast den Friedennobelpreis bekommen hätte.
    Klientelpolitik? Gewählt wird, von wem man Zuwendung erfährt.

  2. Boris sagt:

    Wenn eine Partei für die Erhöhung von Hartz IV oder für die Enteignung des Großkapitals oder für das Verbot von genmanipulierten Pflanzen ist, dann wird unverständlicherweise nie davon ausgegangen, dass dies Klientelpolitik ist. Ich für meinen Teil bin weder für Enteignungen noch für mehr Hartz IV noch gegen genmanipulierte Pflanzen. Wenn ich eine Partei wähle, die meine Interessen vertritt, ist das doch immer Klientelpolitik. Hartz IV-Empfänger sind ebenso eine Klientel wie Ärzte und Rechtsanwälte. Ich denke, deswegen nennt man es auch Interessenvertretung. Nur dass die Linken ihre Klientel gerne als die Allgemeinheit bzw. das höhere Wohl hinstellen.

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