Kindestod

Selten war die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis so groß wie derzeit in der Flüchtlingsfrage. Theoretisch stimmen Sätze wie „Wir können nicht alle aufnehmen“, „Die Probleme müssen im Ursprungsland gelöst werden“, „Wenn man die Flüchtlinge nicht abschreckt, kommen immer mehr“, „Wir können unsere Bürger nicht überfordern“. Das lässt dich leicht sagen und es ließe sich auch durchsetzen, wenn es die Bilder nicht gäbe. Man müsste die Diskussion abstrakt führen, etwa im Stile des unseligen „Besinnungsaufsatzes“ oder in der Art der quälend-arroganten Diskussionen in der gymnasialen Oberstufe, dann könnten Sätze wie die oben ihre Wirkung entfalten. Aber es gibt die Bilder, die Einzelschicksale. Man sieht Menschen zwischen Gleisen liegen, in überfüllten Zügen, randvollen Booten, sie steigen über Grenzzäune und sie zeigen ihre Fahrkarten. Wir werden mit Gesichtern konfrontiert, die Angst und Verzweiflung ausdrücken. Wenn man die Augen schließt und auf die Fernsehnachrichten verzichtet, können die Sätze von oben noch ein Weile halten. Aber dann sieht man das tote Kind am Strand und die Flüchtlingstheorie gerät ins Wanken. Ein totes Kind ist kein „Argument“ in einem Aufsatz, sondern eine Realität, die den anderen Satz, die andere Frage stellen lässt: „Hätte man dieses Kind nicht retten können?“ Sätze wie die oben helfen bei der Beantwortung nicht weiter.

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