Vergessene Schulversuche

Der Ministerin ist es plötzlich wieder eingefallen: Wir haben ja einige Schulversuche am Laufen. Wurde nicht bei ihrer Einführung versprochen, sie wissenschaftlich zu begleiten und nach einer schicklichen Zeit auszuwerten? Oder zu evaluieren, wie man gerne und anspruchsvoller formuliert? Irgendwie scheinen manche Versuche in Vergessenheit geraten zu sein. Aber jetzt will man sich wieder an sie erinnern. Gut so. In den 1980er Jahre wurde jahrelang übersehen, dass man das Grundschul-Englisch als Schulversuch eingeführt hatte. Evaluiert wurde der nie. Aber plötzlich war Englisch für alle von Klasse 1 an verbindlich. Derzeit läuft der Schulversuch „Schule ohne Noten“. Die daran Beteiligten sollen prüfen, ob es besser ist, die Leistungen der Kinder mit Worten oder mit Zahlen zu bewerten. Häckerling meint, es bedürfe keines langen Nachdenkens, um das Ergebnis dieses Schulversuchs in Worte zu fassen. Beurteilende Texte können differenziertere Aussagen machen, können Entwicklungen des Kindes präziser beschreiben, Leistungen und Leistungsdefizite klarer benennen, als es eine Note je kann. Leider haben Sätze eine unangenehme Eigenschaft: Sie können unklar oder missverständlich sein. Sie haften einem Menschen enger an als eine Zahl. Wenn Mathilde sich meistens gut auf die Bedürfnisse ihrer Mitschüler einstellen kann, dann fragt man sich, was sie manchmal daran hindert. Kann sie, aber will sie nicht? Wenn Ottokar beim Schreiben der gelernten Wörter stets bestrebt ist, die Regeln zu beachten, dann ist nicht ganz klar, ob er in der Rechtschreibung gut ist oder deutliche Defizite hat. Wie geht es ihm bei neuen Wörtern? Noten, also Zahlen, haben den Vorteil, dass sie Vergleiche erleichtern. Eine Vier ist schlechter als ein Drei. Wer „gut“ hat, könnte sich bei einiger Anstrengung auch Richtung „sehr gut“ bewegen. Kurzum: Noten und Texte haben Vor- und Nachteile. Ergo: Am besten wäre beides. Man darf gespannt sein, was die Auswertung dieses Schulversuchs an zusätzlichen Erkenntnissen bringt.

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