Geleugnete Wirklichkeit

Die Sprache kennt das Phänomen schon lange: Man spricht vom Ausblenden der Realität, vom Wegsehen, man verschließt die Augen vor der Wirklichkeit, und die berühmte Zeile aus dem Morgenstern-Gedicht, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, ist auch schon länger in Gebrauch. Insofern ist es keine neue Entwicklung, dass Reales (wie etwa der Klimawandel) selbst von Staatoberhäuptern als nicht real dekretiert werden. Neu ist auch nicht, dass etwas als vorhanden erklärt wird, was andere für inexistent halten. Die klassische Geschichte dazu: Hans Christian Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wenn befohlen wird, dass etwas zu sein hat, dann ist es das für viele auch. Der große Erdenwahn schafft dieses Kunststück laufend. Jetzt verkauft er seinen Bürgern den Verfall der türkischen Währung als Folge einer internationalen Verschwörung. Man glaubt, was man glauben will oder glauben muss. Warum? Weil man nur sieht, was man zu wissen glaubt? Weil man zum Sehen manipuliert wird? Weil man sich einsam vorkommt, wenn man nicht im Strom neben den anderen schwimmt? Weil es sich so angenehm anfühlt, im Einklang mit einem starken Mann zu sein? Im Mittelalter (und angeblich geschieht das auch heutzutage) brachte man Menschen durch Folter dazu, nicht begangene Taten zu gestehen. Heute braucht nur ein irrer Politiker etwas Irres zu behaupten und schon folgen sie ihm, dem befehlenden Führer. Don Quixote von der Mancha, der an die literarische Fiktion der längst dahingegangenen Ritterwelt glaubte, würde heute als Verkünder der Wahrheit gefeiert.

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