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Amerikanische Kreuzwege

Warum dieser umfangreiche und des Lesens werte Roman (Jonathan Franzen – Crossroads) keinen deutschen Titel bekommen hat, will mir nicht einleuchten. Mit dem Wort „Kreuzwege“ würde angedeutet, dass es in diesem Buch schwerwiegende Entscheidungen geht um Leid, das sich für die Menschen aus ihnen ergeben. Der Roman (erschienen 2021 bei Rowohlt) spielt in den Jahren 1971 bis 74 in der Nähe von Chicago. Im Mittelpunkt steht die Familie Hildebrandt. Der Vater, Russell, meist nur Russ genannt, ist ein Pfarrer, der den Anschluss an die Jugend verloren. Er predigt dank der redigierenden Hilfe seiner Frau ganz passabel, steht aber wegen seiner engstirnigen Religiosität den jungen Leuten und auch seinen Kindern ratlos gegenüber. Die Jugend der Gemeinde findet in dem jungen Rick Ambrose einen „Versteher“. Sie ekeln Russ aus dem Jugendclub, der den Namen „Crossroads“ trägt, hinaus. Seine religiöse Enge ist für Russ allerdings kein Hindernis, mit der attraktiven Witwe Frances anzubändeln. Die lässt sich seine Avancen durchaus gefallen. Russ hat seine Frau Marion einst leidenschaftlich geliebt. Nun aber ist sie zu dick geworden und steckt in einer Krise. Der versucht sie mit Psychotherapie auf den Grund zu kommen. Denn Marion hat Schlimmes hinter sich, zum Beispiel eine depressive Phase in ihrer Jugend und eine Abtreibung. Diesen Teil ihres Lebens hat sie dem frommen Russ verschwiegen. Nun meint sie, wenn sie abnähme würde sie sich wieder in die attraktive Frau von einst verwandeln. Auch die Kinder der Hildebrandts haben Probleme. Clem, der Älteste, lebt in ständigem Streit mit seinem Vater und dessen Religion. Um den Vietnamkrieg ist er als studierender Weißer herumgekommen. Diese Bevorzugung bereitet ihm Skrupel. Er bricht das Studium ab und verdingt sich als Wanderarbeiter im peruanischen Hochland. Seine Schwester Becky, mit der er einst ein gutes Verhältnis hatte, muss ihre Hochschulpläne aufgeben und heiraten, weil ein Kind unterwegs ist. Der Vater ist Tanner, der als Bandleader nur mäßigen Erfolg hat. Nach einer heftigen Drogenerfahrung wurde Becky religiös geworden. Gegen Clems Bevormundung lehnt sie sich auf. Das dritte Kind der Hildebrandts, Perry, ist hochbegabt; er wird ein Opfer seiner exzessiven Drogensucht. Marion sieht in seinem Schicksal eine Wiederholung ihrer eigenen Jugend. Mit einer teuren psychotherapeutischen Behandlung wird der suizidgefährdete Perry fürs Erste gerettet. Der Roman endet abrupt. Aber es geht weiter. Franzen will die Geschichte der Familie Hildebrandt in drei Teilen erzählen.

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