Ein Phänomen, das beträchtlich zur Politikverdrossenheit beiträgt, ist die Ankündigung– Man hört sie im Radio bei Interviews, liest sie in der Zeitung, in den Parteiprogrammen. Da heißt es, man möchte dies oder jenes ändern, wenn man gewählt werde. Auf Parteitagen werden großartige Beschlüsse gefasst. Politiker behaupten, sie würden etwas tun, wenn man ihnen die Macht überlasse. Der Strauß der Ankündigungen ist bunt: Man will den Zucker höher besteuern, die Altersschwelle für den Alkoholerwerb erhöhen, die Erbschaftssteuer gerechter gestalten, eine bestimmte Waffe an die Ukraine liefern, die Energie um der Wirtschaft oder der Gerechtigkeit willen verbilligen oder des Klimawandels wegen verteuern. Man will mehr Wohnungen bauen, die Sicherheit der Infrastruktur erhöhen, die Wehrpflicht wieder einführen oder keineswegs wieder einführen. Flüchtlinge sollen vermehrt abgeschoben, Arbeitskräfte verstärkt angeworben werden. Die Bürokratie soll abgebaut und die Digitalisierung verbessert werden. Die Renten müssen sicherer gemacht, die Pflege verbessert werden. Schüler sollen dieses oder jenes lernen oder nicht mehr lernen. Das Heizungsgesetz wird abgeschafft oder verbessert werden. Die Schulden sollen sinken oder steigen. Vieles klingt lobenswert, manches eher nicht. Was der einfache Bürger übersieht: Es handelt sich um Ankündigungen und nicht um Taten. Die Wirklichkeit soll besser werden, aber zunächst bleibt sie, wie sie ist. Denn der Weg von der Ankündigung zur Realisierung ist steinig und lang. Es gibt Einsprüche und Widersprüche. Man verhandelt darüber mit denen, die dagegen sind. Man schreibt eine Verordnung oder ein Gesetz. Letzteres muss beschlossen werden. Dafür braucht es Mehrheiten. Die muss man erst einmal finden. Und wenn ein Gesetz schließlich in Kraft ist, gibt es Übergangsfristen. Bei diesem Prozedere gehen Jahre ins Land. Inzwischen haben wir Bürger die Ankündigung vergessen oder meinen, es sei alles schon längst Wirklichkeit. Was für ein Irrtum!
Kategorie: Gesellschaft
Frostige Zeiten
Die Überschrift lässt sich wörtlich verstehen: Wir haben einen kalten Winter. Dass es am frühen Morgen zweistellige Minusgrade gibt und sogar Schnee liegt, das hatten wir schon lange nicht mehr. Wir dachten, die Winter würden in Zeiten des Klimawandels milder, aber haben nicht gehört, dass der auch Extremwetter hervorbringen kann. Das derzeit als extrem Empfundene war einst die Normalität. Derzeit werden die häuslichen Heizungen einem Härtetest unterzogen und in ein paar Monaten folgt der Härtetest der Haushaltbudgets, wenn die Rechnungen fürs Heizen auf den Tisch kommen. Soweit die Überschrift in ihrer wörtlichen Bedeutung. Metaphorisch ist sie ebenfalls ergiebig. Das Gemeinwesen muss durch eine frostige Phase. Außenpolitisch weht dem Land kalter Wind ins Gesicht. Es ist umgeben von Aggressoren, mit denen man nichts Rechtes anfangen kann. So beschränkt man sich darauf, die Armee zu vergrößern und aufzurüsten. Vielleicht beeindruckt das sogar unseren Feind im Osten und unseren problematischen Verbündeten im Westen. Aber auch innenpolitisch geht es frostig zu. Wir leiden unter einer lahmenden Wirtschaft, der aufzuhelfen es der Regierung an Ideen und vor allem Geld mangelt. Wir haben ein schönes, aber teures Sozialsystem, dessen Finanzierung in den nächsten Jahrzehnten völlig ungeklärt ist. Es soll, so heißt es, eine Reform der Altersversorgung, des Gesundheitswesens und der Pflegeversicherung kommen. Wird man sich trauen, den Bürgern zu sagen, dass sie „Abstriche“ werden hinnehmen müssen, oder wird man – wie gewohnt – die Probleme durch eine Erhöhung der Verschuldung lösen? Jene, die diese Beschlüsse fassen, werden längst im Ruhestand oder verblichen sein, wenn es ans Bezahlen geht. Die Rechnung dafür wird den nächsten Generationen präsentiert. Die können einem schon jetzt leidtun. Zu den frostigen Aspekten gehört auch die Zunahme der Radikalen rechts und links. Dass mit ihnen kein Staat zu machen ist, zeigte sich jüngst in Brandenburg. Vermutlich werden unsere Brüder und Schwestern im Osten noch weitere Versuche dieser Art „wählen“. Wir werden sehen, was daraus wird.
Gescheiterte Wurmförderer
Gaspard Kœnig erzählt in seinem 2025 erschienenen Roman „Humus“ von Arthur und Kevin. Sie sind Studenten der Agrarwissenschaften und kommen aus unterschiedlichen Milieus. Arthurs entstammt der französischen Mittelschicht. Sein Vater ist Jurist. Kevins Eltern sind einfache Leute, ihr Leben lang unterwegs auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Die beiden jungen Männer begegnen sich bei einem Vortrag über Regenwürmer. Dieses Thema wird sie nie wieder loslassen. Sie werden Freunde, trotz ihrer Verschiedenheit. Arthur ist der Nachdenkliche; er beschäftigt sich mit den Gedanken bedeutender Philosophen. Kevin lässt sich eher treiben. Er hat ein anziehendes Äußeres, liebt Frauen und Männer, ist aber auch leicht zu beeinflussen. Nach dem Studium trennen sich die Wege der beiden. Arthur will ein ererbtes Stück Land renaturieren. Dabei sollen die Würmer eine wichtige Rolle spielen. Kevin wird von der hyperaktiven Philippine dazu gedrängt, die Umwandlung von Müll in Humus in großem Stil zu betreiben. Auch dabei sollen die Würmer die Hauptrolle spielen. Arthurs mühsame Versuche, sein Stück Land wieder zu beleben, misslingt: Der Boden ist nach den langen Jahren intensiver chemischer Düngung tot. Daraufhin radikalisiert sich Arthur. Er sieht in einer Revolution, bei der die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen zerstört werden, den einzigen Weg zu einer Neubelebung der Natur. Kevins Firma floriert zunächst, aber dann behindern allerlei technische Probleme die Entwicklung. Da entschließt sich Philippine, ohne Kevin zu informieren, den Müll illegal zu entsorgen. Kevin hat ein schlechtes Gewissen. Er übernimmt die Verantwortung, macht das Versagen seiner Firma öffentlich und stellt sich der fälligen juristischen Auseinandersetzung. Am Schluss treffen sich die beiden Freunde wieder. Arthur überlebt „seine“ Revolution nicht. Die gutgemeinten Pläne für eine neue, natürliche Welt sind gescheitert. Ein aufrüttelnder Roman, der die Probleme unserer Gegenwart radikal zu Ende denkt.