Das Festwochenende ist vorüber. Wieder hat man preisend und mit vielen schönen Reden der deutschen Vereinigung gedacht. Ist die Einheit gelungen? Rein technisch gewiss. Man kann nach Sachsen und Thüringen und in den Osten Berlins reisen, ohne entwürdigenden Kontrollen unterzogen zu werden. Im Bundestag sitzen Abgeordnete aus Ost und West. Alle Bundesländer haben im Bundesrat das gleiche Stimmrecht. Der Bundespräsident ist der Repräsentant aller Deutschen. Das Rechtssystem ist einheitlich. Die Währung ist dieselbe. Was sich unterscheidet: Bei Wahlen sind die Ostdeutschen der Rechtspartei zugeneigter. Die Stimmung dort ist mies. Man beschwert sich über Benachteiligung und westliche Arroganz. In den Spitzenpositionen gibt es derzeit weniger Ostdeutsche, stimmt, allerdings sollte man die vielen Merkel-Jahre nicht vergessen und auch nicht den Bundespräsidenten namens Gauck. Bei der Diskussion über die abschlagsfreie Rente kommt der Hauptwiderstand aus den Ostländern. Die Einsicht, dass unser Rentensystem Finanzierungsprobleme hat, scheint jenseits der Elbe wenig verbreitet. Dabei sind zwei Zahlen sehr aufschlussreich: Die durchschnittliche Rente im Westen beträgt 1105 Euro, die in den Gebieten, die einst DDR genannt wurden, hat die Höhe von 1354 Euro. Das sind rund 250 Euro mehr. Auch wenn man es dort nicht gerne hört: Diesen Renten liegen zwar Berechtigungen im Sinne von absolvierter Arbeitszeit zugrunde, eingezahlt wurde damals aber nicht in Euro, sondern in DDR-Mark. Für die Zahlung der Rente an die Menschen im Osten, die ihnen selbstverständlich zu gönnen ist und auf die sie ein Recht haben, ist notgedrungen einiges Westgeld vonnöten. Da Dankbarkeit von Menschen nicht erwartet werden kann, die sich aufs Fordern verlegt haben, könnte man erwarten, dass sie gelegentlich einen Blick auf die beiden Zahlen oben im Text werfen.
Kategorie: Gesellschaft
Ungepflegte Reform
Während dieser Text entsteht, ist immer noch unklar, ob sich die schwarz-rote Regierung bei der Reform der Pflegeversicherung einigen kann. Diese Reform ist dringend, weil der Pflegekasse das Geld ausgeht. Pleite gehen kann sie zwar nicht, weil ihr der Staat im Notfall unter die Arme greift. Aber das Geld, das auf diese Weise ausgegeben wird, fehlt an anderer Stelle oder es wird über Schulden erzeugt. Das jedoch verschärft ein anderes Problem: Die Belastung der Jüngeren durch Zinsen (und Tilgung) wird weiter steigen. Die Nachfolgenden müssen also auch noch das teure Leben der zu Pflegenden schultern. Teuer ist es vor allem wegen der Heimkosten. Seit die Löhne der Pflegerinnen und Pfleger gestiegen sind, sind folgerichtig auch die Kosten der Heimunterbringung gestiegen, für manche ins Unbezahlbare. Manche müssen Immobilien verkaufen, wenn sie welche haben, um sie zu finanzieren. Denn die Kommunen springen erst dann als Zahler ein, wenn bei den Familien nichts mehr zu holen ist. Das Dilemma ist gewaltig: Ein Pflegenotstand, der Mangel an Personal, wurde durch einen neuen abgelöst, den Mangel an Geld zur Bezahlung der Pflege. Wenn man diesem Notstand durch staatliche Zuschüsse begegnet, hat es einen weiteren zur Folge, die Verschuldung der „Öffentlichen Hand“. Nun gibt es einen Ausweg: die Einbeziehung der Privatversicherten in die gesetzliche Pflegeversicherung. Die Folge wäre eine Erhöhung der Beiträge dieser Personengruppe. Vielleicht würden die Betroffenen das auch gerne hinnehmen, wenn man ihnen erklärte, dass ihr Geld für einen guten Zweck verwendet wird, nämlich für die Bezahlung der Pflege ärmerer Menschen. Die Ghostwriter der Politiker sind gefordert. Sie müssen das „Narrativ“ (so sagt man dazu) dieser Vermögensumverteilung formulieren.
Angeschwiegene Kinder
Den deutschen und den eingedeutschten Kindern mangelt es an der deutschen Sprache. Sie tun sich schwer mit dem Lesen, dem Verstehen des Gelesenen, dem Schreiben und dem Reden. Das ist der neue (und alte) Befund der PISA-Studie. Das ist kein Wunder. Es wird zwar in unserer Gesellschaft furchtbar viel geredet und auch kommuniziert, aber mittels der Geräte, in die gesprochen oder etwas eingetippt wird. Zwischen denen in der Fernen besteht über die Geräte ein ausschweifender Austausch. Dafür kommen die in der Nähe Lebenden zu kurz Man sieht Mütter, die zwei Kinder mit sich herumschleppen, aber nicht mit ihnen, sondern mit ihrem Handy in Kontakt sind. Da ist etwas verloren gegangen: Sprechen lernt man durch Sprechen, Sprechen lernt das Kind von der Mutter (auch vom Vater), man nennt das auch Muttersprache. Schreiben lernt man durch Schreiben, also in der Schule. Wie man hört, wird dort immer seltener geschrieben. Vom Üben des Schreibens halten sie in der Grundschule offenbar nicht mehr viel. Lesen lernt man durch Lesen. Das Vorlesen ist eine der schönsten Pflichten der Eltern. Wissen die das noch? Wer vorgelesen bekommt, will auch selbst lesen. In der Grundschule und in den Klassen fünf müsste jedes Kind jeden Tag mindestens fünf Minuten am Stück laut vorlesen. Besser mehr. Zu Hause sollte es den Eltern oder Geschwistern vorlesen. Wenn es dann auch noch über das Gelesene sprechen dürfte, würde man bald Fortschritte merken. Vielleicht schon in vier oder acht Jahren, beim nächsten PISA-Test. Und die armen Migrantenkinder? Für sie gilt dasselbe. Den Eltern müsste man einhämmern, dass nicht nur ihre Kinder, sondern auch sie selbst Deutsch lernen müssen. Es gibt Angebote im Fernsehen in deutscher Sprache, es gibt Werbespots im Radio, es gibt einfache Hörbücher. Es gibt sogar Sprachkurse. Man muss nur wollen. Oder vielleicht auch müssen.