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Gebremste Religion

Es gibt nur wenige Ereignisse, bei denen christlich geprägte Menschen etwas von ihrer Kirche erwarten: Geburt, Hochzeit, Krankheit und Tod. Wenn ein Kind ins Leben tritt, kann den Angehörigen durch dessen Taufe vermittelt werden, dass dieses Wesen nicht ihr Eigentum ist. Eine kirchliche Trauung sagt dem Paar, dass es nicht einfach so zusammenlebt, sondern in einem Sinnzusammenhang steht. Bei einer ernsthaften Erkrankung kann die Erkenntnis helfen, dass man nicht nur dem medizinischen Apparat ausgeliefert ist, sondern sich in einem Größeren geborgen wissen darf. Führt die Krankheit mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Tode, ist es gut, wenn Worte des Trostes und der Zuversicht dem Sterbenden das Gefühl vermitteln, dass sein Leben und damit auch sein Tod einen Sinn haben, der nicht mit seiner Lebensleistung identisch ist. In den letzten Wochen sind Menschen an einem Virus erkrankt, das mit dem Attribut „neuartig“ versehen ist. Neu ist offenbar, dass sich alle vor ihm schützen wollen, auch die Pfarrer und Priester. Das ist einerseits zu verstehen. Wer steckt sich schon gerne an? Aber die Folge war, so ist zu hören, dass die Geistlichen Kranke und Sterbende gemieden haben und einige ohne den Trost der Religion gestorben sind. Das ist traurig. Man fragt sich, ob es nicht zum Beruf des Krankenhausseelsorgers gehört, mit den Risiken einer Ansteckung zu leben. Sollte es tatsächlich keine Möglichkeit gegeben haben, die Ausübung des Berufs (oder der Berufung) möglich zu machen? Auch die Pflegenden in den Kliniken und Heimen sind gefährdet, aber sie arbeiten trotzdem. Zu den Zahlen, die nach der Seuche zu erheben sein werden, wird auch jene gehören, wie viele Menschen ohne geistliche Begleitung geblieben sind, obwohl sie eine wollten.

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Alltäglicher Tod

Wenn nicht an diesem letzten Tag der Karwoche, an dem manche ans Sterben Jesu denken, wann sonst ist es geraten, sich über das den Tod Gedanken zu machen? Zumal der Tod angesichts der Seuche gerade besonders in den Blick gerät. Am Anfang stehe eine unbestrittene Zahl: 2.500. Das ist die durchschnittliche Zahl der Toten in Deutschland – pro Tag. Ständig sterben Menschen. An Unfällen, an Krankheiten, an Altersschwäche. Darüber regt sich niemand auf. Das ist Alltag. Wer auf Friedhöfe geht, sieht die frischen Gräber. Warum also ist der Tod durch die Corona-Pandemie so ein Thema? Es kann nicht die Zahl der Gestorbenen sein, denn die Opfer von Covid-19 wirken sich auf die Statistik kaum aus. Häckerling vermutet, dass dem Virus etwas gelungen ist, was sonst weder der Unfalltod noch das Sterben an Krebs hinbekommt: dass wir uns mit dem Tod auseinandersetzen. Er wird uns über die Medien frei Haus geliefert. Es ist ein anderes Sterben als das in den Kriminalfilmen. Beim Tatort-Toten wissen wir, dass er fiktiv ist, beim Corona-Toten gelingt es uns nicht, ihn aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Was für ein Schauer läuft uns über den Rücken, wenn wir die Särge in Italien, Spanien und nun in den USA sehen? Ein bisschen Erleichterung, ja Zufriedenheit und vielleicht auch Stolz stellt sich, wenn wir erfahren, dass unser System offenbar erfolgreicher im Verhindern des Erstickungstodes ist. Aber auch er findet statt, in manchen Altersheimen oder Kirchengemeinden. Bisher herrschte die übereinstimmende Meinung vor, der Tod werde verdrängt. 2500 Leichen am Tag lassen uns kalt, aber diese besonderen Toten, die Opfer eines vor Kurzem noch unbekannten Virus, sie rücken in unser Bewusstsein, die erinnern uns an die eigene Sterblichkeit, von der wir in der Regel nichts wissen wollen. Passt hier das Diktum vom Guten im Schlechten?

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Österliche Hoffnungen

Den christlichen Kirchen bietet die C-Krise reichlich Anschauungsmaterial für die Passionszeit. Man erinnert sich in dieser Karwoche an das Leiden und Sterben Jesu. Schon immer galt seine Passion als Modell des menschlichen Leids. Daran hat es in den letzten Jahrhunderten nie gemangelt. Aktuell fällt unser Blick auf Schwerkranke in Hospitälern, auf Särge mit Toten, die mangels Kapazitäten der Krematorien „zwischengelagert“ werden, sozusagen auf ihren zweiten Tod in den Öfen warten. Wir hören von Angehörigen, denen der Zutritt zu Sterbenden verwehrt wurde, von alten Menschen, die in ihrer Verwirrung die Welt noch weniger verstehen als vorher. Es ist zu lesen von Familien, die es in der Isolation nicht aushalten und ihre Kinder und Ehepartner misshandeln. Täglich erfahren wir von Firmen, die keine Zukunft mehr sehen und ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Leiden auf allen Ebenen. Wo ist da Platz für Ostern? Wie kann man sich die Auferstehung der am Boden liegenden Gesellschaft denken? Manche Philosophen machen uns Hoffnung. Die Welt werde sich durch diese Krise zum Guten verändern. Schön wäre es. Die christliche Botschaft ist einfacher. Sie sagt: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Will sagen: Das Leiden ist nur das Vorletzte, das Leben ist mehr als Leiden. Und in der Tat. Haben sich die Menschen nicht nach allen Katastrophen (Krieg, Hunger, Verfolgung, Epidemien) wieder aufgerappelt, sind sie nicht aus den Ruinen ihrer Existenz wieder auferstanden? Man muss allerdings einschränkend sagen: Wenn sie die Leidenszeit überlebt haben. Das gelingt nicht allen. Wer in der Katastrophe umkommt, kann nur hoffen, dass ein anderer Aspekt der christlichen Verkündigung wahr wird: Wir fallen sterbend nicht ins Nichts.