Als wir noch nichts von der Klimakatastrophe wussten, hatten wir eine andere – die Bildungskatastrophe. In der 1960er Jahren bescheinigten Georg Picht und Co. Deutschland diverse Probleme im Bildungssystem. Damals hat man den Warnruf ernstgenommen und Reformen „auf den Weg gebracht“ (wie man heute sagt). Sie sind sogar an ihrem Ziel angekommen. Deutschland konnte sich Jahrzehnte im Liegestuhl des Erfolgs sonnen. Aber am Ende der 1990er Jahre stellte sich heraus, dass man einen Sonnenbrand hatte. Die erste PISA-Studie offenbarte, was Insider schon lange vermutet hatten: Die deutschen Schüler sind schlechter als ihr Ruf. Und vermutlich auch die Lehrer, denn von nichts kommt nichts. Im Jahr 2000 ist Deutschland erneut erschrocken. Rund ein Fünftel der Neuntklässler konnten kaum lesen und nur unterdurchschnittlich rechnen. Auch diesen Warnruf hat man sich zu Herzen genommen. Viele Schulen haben sich sehr angestrengt, den ihnen Anvertrauten das Lesen und Rechnen beizubringen. Aber nicht alle, denn es gab willkommene Stimmen, die PISA für einen Unsinn hielten: zu praxisorientiert, zu wenig dem deutschen Bildungsgedanken gemäß. Diese Stimmen werden auch nach der neuerlichen Studie zu hören sein. Die kommt zu dem Ergebnis, dass 2026 die Kinder der neunten Klasse noch schlechter abgeschnitten haben als 2000. Der einzige Trost: Auch Kinder anderer Staaten sind abgerutscht. Was nun zu erwarten ist: Wenn sich die erste Erregung gelegt hat, so in einer Woche, wird man wieder zum schlechten Alltag zurückkehren. Die GEW hat dazu einen Vorschlag: Sie möchte die ganzen Tests abschaffen, VERA zum Beispiel, denn es bringe nichts, Defizite zu konstatieren und nichts dagegen zu tun. Das könnte man auch auf PISA übertragen. Wir könnten beschließen, uns nicht mehr daran beteiligen. Denn was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Die Alternative wäre auch zu schrecklich: Wir müssten die derzeitige Bildungsarbeit in Frage stellen und sie vielleicht sogar ändern.
Kategorie: Schule
Alles rund um die Lehranstalten
Man könnte an das täglich grüßende Murmeltier denken, wenn man die Berichte über den neuesten Bildungsbericht liest. Es hat sich nichts geändert. Die schulischen Leistungen sind wenig erhebend. Ein Viertel der Neuntklässler liegt unter dem Mindestlevel. Und es sind weiter die gleichen Herkünfte, die über das Bildungswohl des Kindes entscheiden. Die aus dem Milieu der Alleinerziehenden und der Migranten haben es besonders schwer. Ich weiß nicht, wie lange wir das schon wissen. Es heißt, die Kultusministerien würden sich anstrengen, aber dass sie sich Mühe gegeben haben, wird an keinerlei Erfolg messbar. Etwas bedeckt hält man sich mit der Ursachenforschung. Dass es in den Schulen immer schwieriger wird, gedeihliche Arbeitssituationen zu schaffen, wird nicht erwähnt. Es fehlt an der Erziehung und an der Bereitschaft der Kinder, sich anzustrengen. Woran das wohl liegt? Dazu kommt, dass der Zustand ihres sprachlichen Könnens beklagenswert ist. Viele sprechen nach der Kita-Zeit nur rudimentär Deutsch. Da fragt man sich schon, was in dieser wichtigen Phase an Sprachvermittlung geschehen ist. Offenbar wenig. Nun hat die Bundesbildungsministerin eine (uralte) Idee: Die Vierjährigen sollen einem verpflichtenden Sprachtest unterzogen werden. Man darf gespannt sein, ob sie das gegenüber den Ländern durchsetzen kann. Denn die müssten es machen. Es würde Geld und Personalressourcen benötigen. Aber die Länder gerieren sich gerne arm. Wenn der Bund nicht alles zahlt, wird es nichts mit dem Test. Nach seiner Durchführung wissen wir über den desolaten Sprachzustand der Kinder bestens Bescheid. Und was dann? Wie beheben wir die Defizite? Indem die Kitas das machen, wozu sie eh verpflichtet sind: die Kinder sprachlich zu fördern. Dann mal los!
Wir werden eine KI-Agenda auf den Weg bringen, die alle schulischen Themenfelder mit Bezug zu KI umfasst. Dabei sollen auch Auswirkungen der KI auf die Prüfungskultur oder das individuelle Lernen an den Schulen in den Blick genommen werden. So steht es im Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung von Baden-Württemberg. Der Satz klingt innovativ. Er impliziert, dass die Regierung weiß, dass es die KI gibt und dass sie in der Schule eine Rolle spielt. Das Wort „Agenda“ verspricht die Vorlage einer strukturierten Handlungsanweisung für die Schulen im Umgang mit der digitalen Intelligenz. Es werden zwei Bereiche genannt, in denen sie „auch“ eine Rolle spielt: die Prüfungen, gemeint sind wohl die Abschlussprüfungen, und das selbstständige Lernen des Einzelnen. Man könnte sich noch andere Aspekte vorstellen: die Hausaufgaben, die Klassenarbeiten, die Notenfindung, das Erarbeiten neuer Lerninhalte, die Gruppenarbeiten …Etwas vage klingt, wie die neue Regierung diese Agenda ins Werk setzen will. Das Ganze soll „auf den Weg gebracht werden“, was doch wohl heißt, dass man über erste Ansätze nicht hinauskommen wird. Auch sollen die „Auswirkungen“ der KI „“in den Blick genommen werden“. Da hätte man sich mehr gewünscht. Im Blick ist das Thema schon lange, aber was soll aus dem Blick werden? Welche Vorgaben wird die Regierung den Schulen und ihrem Personal machen, welche Anregungen und Hilfen beim Umgang mit der KI dürfen die Lehrkräfte erwarten? Welche Fortbildung wird es dazu geben? Wird man das Schulgesetz und die rechtlichen Bestimmungen, vor allem die Notenverordnung, der neuen Situation anpassen? Damit, dass man einige im ZSL mit dem Thema KI beschäftigt, ist für die Schulpraxis noch nichts gewonnen.