Unliebsame Langsamkeit 1: S 60

Der Aufbau Ost war im Vergleich zum Aufbau des Kreises Böblingen offenbar ein Klacks. Dort hat man in zwei Jahrzehnten jede Menge Autobahnen und Schienenstränge, Raststätten und Bahnhöfe gebaut, aber auch Kirchen und Adelssitze saniert. Dazu kann man nur gratulieren. Die neuen Bundesländer haben in kurzer Zeit allerhand Neues bekommen.

Hierzulande dagegen – im Kreis Böblingen – gibt es eine Bundesstraße 464, die im Nichts endet. Nur ein paar einsame Brückenbauwerke stehen in der Landschaft: Symbole des Stillstands. Hierzulande – im Kreis Böblingen, wie gesagt – gibt es auch eine S-Bahnlinie, deren Name (S 60) etwas Futuristisches an sich hat. Es ist auch eine Bahn im Futur: Eines Tages wird sie kommen. Aber wann? Sie lässt bereits Jahrzehnte auf sich warten.

Schon in den 1970er Jahren war die Aussicht auf einen S-Bahn-Anschluss ein verlockendes Argument für unsere Familie, in den Sindelfinger Stadtteil Hinterweil zu ziehen. In den 1980er Jahren hat sich so mancher Lehrer mit der Aussicht auf einen S-Bahnhof in der Nähe an das Gymnasium Unterrieden locken lassen. Doch die Bahn kam nicht; sie hatte offenbar Verspätung. Sie hat sie immer noch.

Nun aber sollte es ernst werden: Ende 2010 würde, so hieß es, die Verbindung Böblingen-Renningen, die S 60 also, ihren Betrieb aufnehmen. Ein Traum des letzten Jahrtausends würde endlich in Erfüllung gehen. Und tatsächlich geschah etwas: Die alten Schienen wurden herausgerissen, neue angebracht. Auch eine Oberleitung entstand. Güterzüge begannen die Strecke zu nutzen. Und dann?

Dann verödeten die Baustellen. Irgendwann erfahren wir den Grund: Es werde nichts mit der ersten S-Bahn-Fahrt zum Fahrplanwechsel 2010. Es gebe noch einige Planungsprobleme. Da fragt man sich: Was haben die Verantwortlichen in den letzten 40 Jahren eigentlich gemacht?

Doch es gibt wohl zu viele Verantwortliche. Keiner hat die Verantwortung richtig. Keiner kann daher zur Rechschaft gezogen weren. Der Aufbau BB wird noch lange dauern.

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7 Kommentare zu Unliebsame Langsamkeit 1: S 60

  1. Boris sagt:

    Wenn man bedenkt, welche Gelder das Herausreißen und Neuverlegen gekostet hat, könnten einem die Tränen kommen. Zumal bestimmt jedes der beteiligten Planungbüros kostenfrei (umsonst wäre hier wohl zu ironisch) mitgearbeitet hat. Alles in allem hat man also Unsummen in ein Projekt gesteckt, das weder durchgeplant noch
    zielgerichtet durchgezogen wurde.
    Ist denn keiner, weder Bürgermeister (gerne auch ehemalige) oder Stadträte oder Landtagsabgeordnete bereit ein wenig Flagge zu zeigen?

    • haecker sagt:

      Sie zeigen nun alle Flagge: der Landrat, die Bürgermeister, und zwar so, dass sie mit dem Finger auf die zeigen, die an dem Desaster schuld sind. Aber wer ist das? Die Deutsche Bahn? Die Besitzer von Grundstücken? Die Planer? Die Kommunen? Der Landkreis?
      Es gibt ein neues Datum für die Inbetriebnahme: voraussichtlich Ende 2011 oder 2012.

  2. Tobi sagt:

    Aubau Ost = Abbau West.

    Und außerdem scheint es immer noch Probleme zu geben mit der Prämisse „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Die Anwohner des Neubaugebiets „Schlitz-Grünäcker“, deren Wohnungen durch die S-Bahn erheblich aufgewertet würden, protestieren allerdings zumindest vereinzelt per Transparent am Balkon dagegen. Obwohl sie – wie die Hinterweiler in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts – auch eigentlich ungeduldig darauf warten sollten (und es zum Zeitpunkt des Wohnungskaufs wussten). Paradox?!

    Wie auch immer – Planer in der öffentlichen Hand werden gerne auch als „Sesselfurzer“ bezeichnet, und das manchmal nicht zu Unrecht. Die DB ist da als immer noch „Beinahe-Staatsbetrieb“ kaum auszunehmen. So gesehen besteht wenig Hoffnung auf die S 60 in den nächsten Jahren.

    • haecker sagt:

      Ich unterstelle mal, dass die Protestierer nicht gegen die S-Bahn sind, sondern (nur) für einen Lärmschutz gegen sie. Es ist auch merkwürdig: An manchen Stellen gibt es eine Lärmschutzwand, aber an manchen Stellen nicht, und zwar gerade dort, wo Häuser nahe an die Geleise reichen. Wer das vermurkst hat, ist mir unbekannt. Aber weil die Baustelle im Bereich Grünäcker nun sein Monaten wie verlassen wirkt, könnte man ja hoffen, dass den bisher noch ungeschützten Bewohnern auch noch die Segnung einer Wand zuteil wird. – Eine hübsche Pointe am Rande: Die Firma, die den Aufbau West betreibt, kommt aus dem Osten.

  3. Grantler sagt:

    Inzwischen wird als neues Datum der Inbetriebnahme der S 60 das Jahr 2015 genannt – jedenfalls steht das in der Sindelfinger Zeitung vom 22. Juni 2009.

  4. Tobi sagt:

    2015 – na Respekt, bis dahin können wir ja dann den BaWü-Soli einführen. Für das neue Zonenrandgebiet Schlitz-Grünäcker…

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