63 Jahre und kein bisschen Ruhe

Manchmal wird mir schlagartig klar, warum wir uns Tageszeitungen halten. Heute zum Beispiel, am 18.5.11, beschenkt uns die Stuttgarter Zeitung auf Seite 6 unter einem großen Foto mit einem vierspaltigen rührenden Artikel über eine Pressekonferenz des neuen Ministerpräsidenten. Schon die Schlagzeile reißt den Leser mit: „Kretschmann beginnt mit dem Regieren“. Das zu hören beruhigt. Er könnte ja auch Ferien machen.

Unter der großen Überschrift werden weitere wichtige Nachrichten angekündigt, nämlich dass Herr K. vom Atomausstieg und von Stuttgart 21 „in Atem gehalten“ werde. Gut zu wissen, dass ihm diese Probleme Luft verschaffen.

Den Textteil leitet ein Satz ein, der an unser Empathievermögen appelliert: „Das Amt des Ministerpräsidenten kennt keinen Stillstand.“ Der arme Herr Kretschmann! Dann heißt es, er sei „zu einem ganz normalen Arbeitstag angetreten, an dem er gleichwohl sein 63. Lebensjahr vollendete.“ So schön und einfühlsam wurde noch selten über einen Politiker geschrieben. Vor allem das Wörtchen „gleichwohl“ verbreitet eine liebliche Atmosphäre. Was für ein wunderbarer, pflichtbewusster  Mensch ist das, der arbeitet, obwohl er Geburtstag feiern könnte! Glücklich das Land, das solche Regierenden hat!

Glücklich auch, wer eine solche Zeitung lesen darf. Steht doch in besagtem Artikel auch noch geschrieben, dass der Ministerpräsident mit einem „prallen Arbeitsprogramm“ belastet sei, dass sich seine Regierung „erst noch sortieren“ müsse und dass er trotzdem in der Pressekonferenz „was zu sagen“ gehabt habe. Und was? Er plädiere für den „schnellstmöglichen Ausstieg“ aus der Kernenergie und wolle bei S 21 erst den Stresstest abwarten. Ohne Zweifel, Herr K. hat was zu sagen. Und meine Zeitung ist davon begeistert.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu 63 Jahre und kein bisschen Ruhe

  1. Boris sagt:

    Also wenn man schon positive Presse dafür bekommt, dass man sich vornimmt seinen Beruf auszuüben, dann ist das schon bedauerlich. Bestimmt schlägt man unseren neuen Ministerpräsidenten für das Bundesverdienstkreuz vor, wenn er doch tatsächlich etwas absegnet oder regelmäßig zum Landtag erscheint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.