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Die Kirchen und ihre Mitglieder

Die Zahlen, heißt es, seien nicht dramatisch. Nur einer von hundert Stuttgartern habe im letzten Jahr die Mitgliedschaft in seiner Kirche aufgegeben. Ein Prozent, das klingt wenig, ist aber viel. Bald hat die Stadt mehr Nichtchristen also solche, die sich als Kirchensteuerzahler wenigstens noch formal als evangelisch oder katholisch bekennen. Der Widerspruch zwischen der christlich geprägten Landesverfassung Baden-Württemberg und der Realität nimmt ständig zu.

Natürlich hat das auch mit den Kirchen selbst zu tun. Manchen mag die Steuer zu hoch sein, für manche sind andere religiöse Gemeinschaften attraktiver geworden, viele sehen keinen Sinn mehr darin, einer Institution Geld zu geben, von der man nichts hat, nichts bekommt und nichts erwartet. Selbst das Begräbnis lässt sich inzwisc hen anders organisieren. Im Übrigen tritt man auch aus den Parteien, den Gewerkschaften, Vereinen aus, wenn man sich nichts mehr von ihnen verspricht.

Die Kirchenleitungen scheinen die Krise nicht zu spüren. Sie leisten sich ungeniert die Arroganz der Macht, beuten ihre Mitarbeiter aus, entlassen eine Vikarin, die „falsch“ geheiratet hat, beharren im Gottesdienst auf einem altertümlichen Sprachstil und reden selbst Unverständliches. Sie ärgern viele durch Langeweile, Borniertheit und Abschottung von der Wirklichkeit.

Es ist heutzutage nicht mehr sehr ehrenvoll, sich als Christ zum Protestismus zu bekennen. Leider. Aber wahrscheinlich muss die Krise noch größer werden, ehe sich etwas tut.

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Der Minister und die Menschenwürde

Bei einem von zwei Schülerinnen des Goldberg-Gymnasiums in Sindelfingen gut moderierten Gespräch zwischen dem Bahn-Manager Dr. Kefer und dem baden-württembergischen Verkehrsminister Hermann äußerte sich Letzterer lobend über die originellen Protest-Ideen der S-21-Gegner. Daraufhin wurde ein Button gezeigt, auf dem der Slogan stand: „Grube in die Grube“. Was er davon halte, wurde der Minister gefragt.

Es zeigte sich, dass er den Spruch „originell“ und „witzig“ fand – wegen des Wortspiels, wie er sagte. Dass es sich um eine Todesdrohung handelt, schien ihm nicht bewusst. Oder ist er der Meinung, dass ein gutes Wortspiel eine solche Frage überflüssig mache? Schließlich bequemte sich Hermann dann doch noch zu der Aussage, man müsse mit dem politischen Gegner so umgehen, dass man mit ihm danach auch noch reden kann. Doch wie will er mit einem begrabenen, also doch wohl toten Bahnchef Grube reden?

Häckerling findet es bedenklich, dass ein Minister in einer Schule und vor Hunderten junger Leute keine klarere Sprache zu den in unserer Gesellschaft derzeit noch geltenden Werten gefunden hat. Aber wenn es inzwischen normal ist, andere als Lügenpack zu bezeichnen oder sie als Zeichen besonderen Abscheus nach Art des Islam mit Schuhen zu bewerfen, dann kann man wahrscheinlich auch von einem grünen Minister nicht mehr erwarten. Dabei haben wir ein Grundgesetz, in dem die Würde des Menschen als „unantastbar“ bezeichnet wird.

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Das Kultusministerium und seine Probleme

Die beiden großen Zeitungen Stuttgarts haben sich die Chance nicht entgehen lassen, über den Zoff im Hause Warminski-Leithäußer zu schreiben. Anlass ist ein vorweihnachtliches Schreiben des Spitzenbeamten Hahl an seine Mitarbeiter, in dem vom mangelnden Vertrauen der politischen Führung in die Beamten des Hauses die Rede ist. Die werden vermutlich mit der alten Regierung identifiziert. Offenbar meint die SPD-Ministerin, ihnen nicht trauen zu können. Das ist sehr schade, denn es schadet der Schulpolitik.

Der Verfasser dieser Sätze hat das System der Schulverwaltung gründlich kennen gelernt. Er kennt dessen Stärken und Schwächen und weiß, dass die dort Arbeitenden (auch) unter den Kapriolen der (CDU-)Minister gelitten haben. Trotzdem war man loyal und hat nur intern kritisiert – und man hat versucht, aus den Vorgaben „von oben“ das Beste zu machen. Das war zwar nicht immer das Beste, aber das konnte es bei dieser Konstellation auch nicht werden. Die Politik lebt von den eleganten visionären Ankündigungen, der Beamtenapparat muss sich mit den sperrigen konkreten Einzelheiten herumschlagen.

Von außen macht die neue politische Führung des Kultusministeriums auf den Blog-Schreiber einen eher ratlosen Eindruck. Sei es Herr Mentrup bei der Podiumsdiskussion eines Sindelfinger Gymnasiums im letzten Sommer, sei es letzten Herbst die Ministerin Warminski-Leithäußer bei einem Auftritt in einem anderen Gymnasium der Stadt oder sei es Frau Ruep gegen Ende des Jahres 2011 vor Vertretern der Lehrerausbildung – ständig kam der Satz: Wir können noch nichts Genaues sagen, wir sind noch intern am Nachdenken und Diskutieren. Habt Geduld mit uns.

So bleiben fürs Erste nur die großen Ankündigungen: die Gemeinschaftsschule als Hort der individuellen Förderung, die partielle Rückkehr zu G9, die Abschaffung der Grundschulempfehlung, der Versetzungsordnung und der Notenhürden bei der Werkrealschule, der Ausbau des Ethik- und Islamunterrichts …

Und wie soll das alles genau aussehen? Das kriegen wir später. Die Beamten des KM werden die Details hoffentlich bald liefern können.