Über-Überdruss

Allüberall wimmelt es derzeit an „Über“-Wörtern. Kaum ein Leserbrief kommt ohne sie aus. Es gibt zum Beispiel, nach Meinung mancher Schreiber, die Gefahr der „Überislamisierung“. Mit der bloßen Islamisierung könnten sie offenbar noch leben. Dann lese ich von der drohenden „Überfremdung“ Deutschlands. Das ist vermutlich so zu verstehen: Man wird Deutschland nicht mehr erkennen, weil es bald total fremd aussieht. Die Fremden, gemeint sind die Schutzsuchenden aus aller Welt, werden das deutsche Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Es ist erstaunlich, was man ihnen zutraut. Über das Wort „Überforderung“ hat sich Häckerling schon ausgelassen. Es dürfte zum „Wort des Jahres“ werden. Überhaupt: „Über“ ist ein Steigerungswort: mäßig – übermäßig. Ohne Superlative geht es derzeit nicht. Wir haben nicht nur volle, sondern „überfüllte“ Flüchtlingsunterkünfte. Wir haben Aufgaben zu schultern, die nach Meinung einer festgestellten Mehrheit, die mit der deutschen Einigung verbundenen Herausforderungen übertreffen. Es sei die größte Herausforderung der Nachkriegsgeschichte, heißt es. Überfällig ist meiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit einer anderen Herausforderung: der Übertreibung. Gefragt ist die Versachlichung der Diskussion. Wenn man liest, was die Mehrheit in den Online-Foren schreibt, könnte man sich übergeben. Da übertreffen sich die Hasserfüllten und Überängstlichen in Formulierungen, die einem Angst machen können. Diese Menschen haben einfache Lösungen („Grenzen schließen“, „Merkel absetzen“, „Asylrecht abschaffen“) und beklagen überlaut, dass sie nicht sofort umgesetzt werden. Und die Übereifrigen mit ihrer Willkommenskultur? Für die sich geistig überlegen dünkenden Skeptiker und Hassprediger sind das gefährliche Deppen. Ich dagegen möchte gerne in einem Land leben, wo man mit nüchternem Realismus über die Probleme redet und das Nötige tut, sie zu lösen. Wäre Deutschland so, würde es mich freudig überraschen.

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