Vorabsieger

Das Besondere moderner demokratischer Wahlen ist die Bekanntgabe des Ergebnisses vor der Wahl. In den letzten Tagen waren die Medien erfüllt von der Botschaft, dass die Grünen in Baden-Württemberg vor einem „historischen“ Wahlsieg stünden. Zu ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland würden sie bei einer Landtagswahl besser abschneiden als die CDU. Das sei dem Herrn K. zu verdanken, dessen großartige Politik und vor allem sein Charisma die Wähler überzeugt hätten. Auch ich finde Herrn K. nett, seine Politik aber muss ich mit einigen Fragezeichen versehen (Beispiel: Bringt die Gemeinschaftsschule wirklich die Lösung aller unterrichtlichen Probleme oder wird sie auch nur als weiterer Flop in die Schulgeschichte eingehen?). Und ob der Mann Charisma hat, kann ich nicht beurteilen. Mir fehlen dafür die Antennen. Was mich aber besonders nervt am vorab mitgeteilten historischen Wahlergebnis: mein Gang zum Wahllokal hat etwas Sinnloses. Ich stimme ab, obwohl das Ergebnis längst feststeht. Ich habe einen Zettel in die Urne geworfen, den die Demoskopen schon vor dem Einwerfen gezählt haben. Immer häufiger wird nach Wahlen gefragt, warum die Wahlbeteiligung ständig sinke. Dann ist von Politikverdrossenheit die Rede. Dabei lautet die Antwort: Es ist die Verdrossenheit über die Demoskopie. Warum soll man wählen, wenn vorher schon alles feststeht? Warum soll man den Deppen des Wahllokalbesuchers spielen, wenn die Meinungserhebungsinstitute längst vorher wissen, was am Ende (des Wahltags) „hinten herauskommt“? Es gab mal einen verheißungsvollen Ansatz, diesen Unfug zu bekämpfen: zwei Wochen vor der Wahl dürfen keine Umfrageergebnisse mehr veröffentlicht werden. Leider waren die Institute stärker als diese Bestimmung. Politiker aller Bundesländer, vereinigt euch und legt den Demoskopen das Handwerk. Die Demokratie wird es euch danken.

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