Medusa

Das Ereignis ist verbürgt. 1816 fährt die „Medusa“, ein damals durchaus modernes Schiff, mit 400 Passagieren von Frankreich Richtung Senegal. An Bord sind neben dem künftigen Gouverneur der Kolonie, auch einige, die in Afrika ihr Glück finden wollen, dazu Soldaten, Handwerker, ehemalige Kriminelle, kurz: Menschen verschiedenster Herkunft, Glaubens und Denkens. Der unerfahrene Kapitän setzt das Schiff „in den Sand“. Es droht zu sinken. Weil es zu wenig Rettungsboote gibt, baut man ein primitives Floß, auf dem 147 Schiffbrüchige höchst beengt Platz finden. Vor allem von ihnen erzählt der österreichische Autor Franzobel in seinem neuen Roman. Als das „Floß der Medusa“ nach zwei Wochen Irrfahrt endlich entdeckt wird, sind nur noch fünfzehn Männer an Bord. Vom Sterben der anderen, vom Kampf aller gegen alle, vom grausamen Durst und unbarmherzigen Hunger, vom Zerfall des Wertesystems, das sich unter anderem im Kannibalismus zeigte, und von den verzweifelten Bemühungen, trotz allem einen Rest an Humanität zu bewahren, davon handelt dieses Buch. Es ist eine Art Versuchsanordnung: Wozu sind Menschen fähig, wenn sie nur noch ums Überleben kämpfen? Die Antwort: zu allem. Die französische Regierung widersetzte sich damals der Aufarbeitung der Ereignisse. Man wollte von dieser „Schande“ nichts wissen. Wenn nicht einer auf dem Floß, der Schiffsarzt Savigny, sie aufgeschrieben hätte, wüsste man heute so gut wie nichts davon. Sein Dossier ist heimlich weitergegeben worden. Auch der Maler Géricault hat es gelesen und daraufhin in einem riesigen Gemälde einen dramatisch-düsteren Moment der Fahrt des Floßes gestaltet. Das war 1819. Das Bild stieß auf heftige Ablehnung. Dennoch ist es (und die damit verbundene Geschichte) seit zwei Jahrhunderten immer wieder zum Gegenstand von Romanen, Theaterstücken und Filmen, Aufsätzen und Pamphleten geworden. Genannt seien nur Georg Kaiser, Julian Barnes, Peter Weiss, Wolfgang Schmidbauer und Henning Mankell.

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