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Hundertjähriger Zeitblick

In der gehobenen Literaturkritik gilt Isabel Allende als „Königin des Kitsches“. Nur das „Geisterhaus“ findet verbreite Anerkennung. „Violeta“ (Roman 2022. Verlag Suhrkamp) hat die Autorin im Alter von 80 Jahren geschrieben. Die Titelheldin ist zugleich die Ich-Erzählerin. Sie ist 20 Jahre älter als ihre Autorin. Hundertjährig schreibt sie für ihren Enkel Colito ihr Leben auf. Die Sprache des Romans ist eher schlicht. Mit wenigen Strichen wird die Landschaft Südamerikas gezeichnet. Umbrüche im Leben und in der Gesellschaft ihres Landes werden eher beiläufig berichtet. Welches Land die Autorin genau meint, bleibt im Unklaren, die geschilderten politischen Skandale passen auf mehrere Staaten Lateinamerikas. Dort hat die Demokratie wenig Chancen. Autoritäre Regime führen ein Schreckensregiment. Menschen werden verschleppt, gefoltert, getötet, die Angehörigen über ihren Verbleib in Unkenntnis gelassen. Violeta ist während der Grippe-Epidemie 1920 geboren. Sie führt zunächst ein unpolitisches Dasein. Die einst wohlhabende Familie del Valle verarmt als Folge einer Wirtschaftskrise. Der Vater bringt sich um. Die Hinterbliebenen ziehen sich aufs Land zurück. Dort nimmt man die Del Valles wohlwollend auf. Violeta lebt dort in einfachen Verhältnissen. Sie heiratet einen Deutschstämmigen, den sie nicht liebt, brennt mit einem attraktiven Windhund durch und bekommt zwei Kinder von ihm. Zusammen mit ihrem Bruder führt sie eine erfolgreiche Firma, die sich auf Fertighäuser spezialisiert hat. Vor allem nach Erdbeben machen sie gute Geschäfte. Der Sohn Juan driftet in die linke Szene ab und muss das Land verlassen. Die Tochter Nieves entwickelt sich zum Ebenbild des Vaters. Sie lebt unstet, gerät in die Drogenszene und bekommt einen Sohn, besagten Colito, dem Violeta später ihre Leben erzählt. Dann stirbt Nieves an den Folgen ihrer Sucht. Violeta übernimmt als Großmutter die Mutterrolle. Sie hat eine soziale Ader und tut viel Gutes. Im Coronajahr 2020 stirbt sie. Ein ambitionierter Roman, dem es recht gut gelingt, 100 Jahre Zeitgeschichte anschaulich zu machen.

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