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Beiratratschläge

Zu den schönen Traditionen der hiesigen Bildungspolitik gehört die Einrichtung von Beiräten. Sie sollen raten, wenn man nicht mehr weiter weiß. Den neuen Beirat des Kultusministeriums von Baden-Württemberg soll Ulrich Trautwein leiten. Was er in der Zeitung zu sagen hatte, klingt vernünftig, aber auch ernüchternd. Eine Wirkung seines Wirkens werde frühestens in zehn Jahren eintreten, denn Änderungen im Bildungssystem greifen langsam. Zumal Baden-Württemberg seit langer Zeit stagniere. Auch gebe es hier eine „erschreckend große Risikogruppe von leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern.“ Es fehle an „aussagekräftigen Daten zum Schulsystem“. Die Chancen der Vergleichsarbeiten hat man sinnlos vergeigt. Diese Arbeiten sind bedeutungs- und folgenlos. Der Aufwand dafür, sage ich, ist sinnlos. Man hat in den Schulen „Qualitätsverletzungen“, wo man sie denn feststellte, „nicht wahrgenommen“, also unter den Teppich gekehrt. Dem Land fehle der Wille, „die Qualität von Lernprozessen systematisch zu erfassen und zu verbessern.“ Trautwein vermeidet es, die Schuldigen zu benennen. Aber wahrscheinlich liegt man mit der Einschätzung richtig, dass eine unheilige Allianz von Politik und Lehrerverbänden am Werk war. Ich erinnere mich, dass alle mutigen Ansätze am Beharrungsvermögen der Verantwortlichen gescheitert sind, sei es – um nur ein paar Stichworte zu nennen – eine verpflichtende Fortbildung für alle Lehrkräfte, die Bewertung der Vergleichsarbeiten als „echte Klassenarbeiten“, die Veröffentlichung von Ergebnissen der Fremdevaluation. Trautwein sagt, was wir alle schon wissen: Die Qualität eines Bildungssystems liegt an der Qualität des Unterrichts. Die aber interessiert hierzulande eigentlich kaum jemand.

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Bahnlos

Wer seinen Beitrag zur Verschmutzung der Luft reduzieren will, hat mehrere Optionen. Man kann z. B. weniger heizen – das geht im Sommer ganz gut. Man kann auf Flugreisen verzichten und zu Hause bleiben. Der Blick auf das Grün hinterm Haus und in der Siedlung ersetzt zwar das Bad im Mittelmeer nicht ganz, aber dafür ist die Ökobilanz deutlich besser. Man kann zur Erreichung dieses Zieles auch weniger mit dem Auto fahren. Allerdings bleibt ein letzter Rest an Mobilitätsbedürfnis. Das könnte der öffentliche Nahverkehr stillen, fahren doch Busse und Bahnen hierhin und dorthin. Ein Blick in die entsprechende App hilft manchmal weiter. Aber leider ist das Angebot an Fortbewegungsmöglichkeiten in diesem Sommer deutlich reduziert. Ich meine jetzt nicht Rastatt und die eingesunkenen Gleise. Das ist ein spezielles Problem, das ich als späte Rache von Vater Rhein für die Verunstaltung seines Flussbettes deute. Nein, es geht um den Raum Stuttgart. Dort hat sich die Bahn den Tadel wegen der unzureichenden Sanierung ihrer Bahnkörper dermaßen zu Herzen genommen, dass sie jetzt hemmungslos bauen. Ganze Streckenabschnitte sind stillgelegt. Häufig fallen Züge aus. Die privaten Bahnbetreiber lassen sich nicht lumpen und ziehen mit. Ihre Loks ruhen sich in den Depots aus. Das alles lässt sich trefflich begründen: Weil eh alle verreist sind, merken nur wenige, wie dürftig die Situation des Nahverkehrs derzeit ist. Die Zurückgebliebenen verringern ihre Emissionen. Aber sie sind auch zu Hause fehl am Platz. Denn sie wagen es, Busse und Bahnen nutzen zu wollen. Wären auch sie weg, könnte die Bahn den Verkehr ganz abschalten und endlich ungestört arbeiten.

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Medusa

Das Ereignis ist verbürgt. 1816 fährt die „Medusa“, ein damals durchaus modernes Schiff, mit 400 Passagieren von Frankreich Richtung Senegal. An Bord sind neben dem künftigen Gouverneur der Kolonie, auch einige, die in Afrika ihr Glück finden wollen, dazu Soldaten, Handwerker, ehemalige Kriminelle, kurz: Menschen verschiedenster Herkunft, Glaubens und Denkens. Der unerfahrene Kapitän setzt das Schiff „in den Sand“. Es droht zu sinken. Weil es zu wenig Rettungsboote gibt, baut man ein primitives Floß, auf dem 147 Schiffbrüchige höchst beengt Platz finden. Vor allem von ihnen erzählt der österreichische Autor Franzobel in seinem neuen Roman. Als das „Floß der Medusa“ nach zwei Wochen Irrfahrt endlich entdeckt wird, sind nur noch fünfzehn Männer an Bord. Vom Sterben der anderen, vom Kampf aller gegen alle, vom grausamen Durst und unbarmherzigen Hunger, vom Zerfall des Wertesystems, das sich unter anderem im Kannibalismus zeigte, und von den verzweifelten Bemühungen, trotz allem einen Rest an Humanität zu bewahren, davon handelt dieses Buch. Es ist eine Art Versuchsanordnung: Wozu sind Menschen fähig, wenn sie nur noch ums Überleben kämpfen? Die Antwort: zu allem. Die französische Regierung widersetzte sich damals der Aufarbeitung der Ereignisse. Man wollte von dieser „Schande“ nichts wissen. Wenn nicht einer auf dem Floß, der Schiffsarzt Savigny, sie aufgeschrieben hätte, wüsste man heute so gut wie nichts davon. Sein Dossier ist heimlich weitergegeben worden. Auch der Maler Géricault hat es gelesen und daraufhin in einem riesigen Gemälde einen dramatisch-düsteren Moment der Fahrt des Floßes gestaltet. Das war 1819. Das Bild stieß auf heftige Ablehnung. Dennoch ist es (und die damit verbundene Geschichte) seit zwei Jahrhunderten immer wieder zum Gegenstand von Romanen, Theaterstücken und Filmen, Aufsätzen und Pamphleten geworden. Genannt seien nur Georg Kaiser, Julian Barnes, Peter Weiss, Wolfgang Schmidbauer und Henning Mankell.