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Unvorbereitete Führung

Im Sommer schien alles vorüber zu sein. Die Zahl der Infektionen sank stetig. Die für Corona-Kranke bereitstehenden Betten konnten anderen (zurückgestellten) Zwecken zugeführt werden. Die „Querdenker“ konnten sich ausbreiten und ihre Thesen von der Harmlosigkeit des Virus verbreiten. Der Abstand zwischen den Menschen nahm ab, die Zahl der Veranstaltungen zu. Shopping wurde wieder möglich, sogar reisen konnte man. Nach den Ferien durften die Kinder wieder in die Schule und die Lehrkräfte mussten sich wieder leibhaftig und lebhaft mit ihnen auseinandersetzen. Nur im Hintergrund war ein Dauerton zu vernehmen: Es könnte eine „zweite Welle“ geben. In manchen Ländern gab es sie wirklich. Nun gehört es zum staatlichen Handeln, sich auf eventuell eintretende Ereignisse vorzubereiten. Häckerling hatte sich vorgestellt, dass in den Amtsstuben die Dienstbesprechungen sich mit just diesem Drohenden, aber hoffentlich nicht Eintretenden beschäftigen, dass man Pläne vorbereitet, die im Fall X (möge er nie kommen) in Kraft treten. Die Schüler*innen sollen in die Schule gehen, aber was, wenn dort Infektionen auftreten? Dann ist man digital besser als im Frühjahr vorbereitet und der Wechsel vom School-Schooling zum Home-Schooling klappt besser. Es gibt genügend Geräte; es gibt Programme und didaktische Konzepte. Wenn die Zahlen der Ansteckungen tatsächlich steigen sollten (was wir nicht hoffen), dann geschieht A, B und C. Und nun? Wider Erwarten ist die zweite Welle doch gekommen. Und wie sieht es mit den Plänen in der Schublade aus? Irgendjemand hat sie wohl verlegt. Die Gesundheitsämter arbeiten schon wieder am Limit. Zu wenig Mitarbeiter*innen, keine zulängliche technische Ausstattung? Die Zahlen für Erlaubtes (Familienfeiern, Beerdigungen, Veranstaltungen) und die Vorschriften für das Tragen von Masken haben etwas Kunterbuntes. Tag für Tag werden die Verordnungen geändert. Vermutlich blicken nicht einmal mehr jene durch, die sie verfassen. Rechtzeitige Vorbereitung auf den Ernstfall? Fehlanzeige.

9 Antworten auf „Unvorbereitete Führung“

Das stimmt allgemein so nicht. Inwiefern meine (staatliche) Stuttgarter Schule repräsentativ ist, weiß ich natürlich nicht. Aber warum sollte sie besonders sein?
Seit Anfang des Schuljahres sind bei uns alle Schüler*innen endlich in unser bereits langjährig bestehendes Moodlesystem integriert worden, mit individueller Schulmailadresse. Dabei mussten vor allem Datenschutzprobleme angegangen werden (bezüglich derer alle Angehörigen der Schulgemeinschaft einverstanden waren).
In den klassen- und fachbezogenen Kursen gibt es im Moodle die Möglichkeiten zum digitalen Austausch wie im Unterricht und außerdem ist ein Videotool als Präsenz integriert.
Für alle Lehrkräfte gibt es permanent Fortbildungen, um nun schnell zu lernen, diese (in der Basis einfachen) Instrumente zu bedienen. Alle Schüler*innen ohne Zugang zum eigenen Computer haben ihr eigenes iPad erhalten. Mittlerweile können wir per Videoschaltung abwesende Schüler*innen zum Präsenzunterricht zuschalten.
Dies ist, wie gesagt, im Grunde durchaus einfach. Dass wir mit all diesen Methoden aber bereits „guten Unterricht“ halten können, wage ich nicht zu behaupten! Auch im Präsenzunterricht gab es historisch ja eine lange Phase der Entwicklung, wobei es unabhängig davon für individuelle Schüler*innen stets wunderbare Lehrkräfte und weniger gute gab und gibt. – Allgemein entscheidend ist nicht die Methode, sondern, wie wir gerade sagen, die „Tiefenstruktur von Unterricht“!
Schulbezogene Paradoxien mit dem wlan gibt es natürlich (!!!); die werden sie hoffentlich bald lösen, Eine andere Frage, die mich sehr umtreibt, ist die Raumausstattung. An kalten Tagen frieren wir alle, auch ich habe infolge schon einen steifen Hals und eine unangenehme Nicht-Corona-Erkältung bekommen. Dass das regelmäßige Lüften erst recht im Winter nicht klappen wird, ist offensichtlich. Warum also stattet man die Räume die besser aus mit den besten Belüftern? Das verstehe ich nicht!

*Tiefenstruktur von Unterricht: Schon Piaget nannte dies „kognitiv aktivierenden“ Unterricht. Das ist nicht neues.

Schön, wenn die Digitalisierung an dieser Schule schon so weit fortgeschritten ist. Allerdings variieren die benutzten Programme sehr zwischen den Schulen. Und wie steht es mit der Integration in das digitale Lernangebot des Landes?

Hier fokussiert sich die Perspektive derzeit auf einige zentrale Elemente. Wie jede*r erkennen kann, der/die die ZSL-Seiten “Lernen überall”, mit durchaus hilfreichen Hilfsangeboten, zur Kenntnis nimmt.
Damit ist eine Basis gelegt. Die Situation ist bereits unvergleichlich besser als vor einem halben Jahr in dem Bereich, den ich übersehe. Natürlich darf und muss man weiter schimpfen, aber die relativen Fortschritte sollte Häckerling nicht ignorieren.

Häckerling freut sich gerne über Fortschritte. Fast schon war er geneigt zu glauben, dass Nana mit ihren guten Nachrichten recht hat, da fiel sein Blick auf die heutige Zeitung: Dort steht, dass nicht einmal ein Drittel der Eltern den digitalen Zustand der Schulen als “gut” beurteilt.

Dies ist eine globale, subjektive Abfrage ohne Differenzierung. Und die größten Ängste der Eltern richten sich weiterhin gar nicht auf den Stand der Digitalisierung, sondern den Lehrermangel und den Unterrichtsausfall.
Der flächendeckende Zugang zum Moodle-System und die Versorgung der Schüerl*innen mit iPads scheint mir, wie gesagt, kein symastenimmanenntes Problem mehr zu sein.
Was aber im Argen liegt, ist das ungelöste Dilemma zwischen technischen Möglichkeiten und Datenschutzhemmungen. Es ist, wie – glaube ich – schon gesagt, ein Schildbürgerstreich, dass Lehrkräfte sich mit ihrem eigenen Laptop nicht ins W-Lan der Schulen eindoggen können und aufgrund der mangelnden Abstimmung das BBB-Videotool innerhalb der Schulen gar nicht benutzbar ist. Ich persönlich umgehe das auf eigenen Kosten, indem ich mein Laptop innerhalb der Schule mit meinem Handy koppele und so die schulische Hürde umgehe. Aber wie absurd ist das?
Trotzdem halte ich daran fest, dass es im letzten halben Jahr viele Verbesserungen gab, die jetzt stückweise auf die Schulen implantiert und an ihnen erprobt werden und es trotzdem weiterhin viele je konkret zu benennende Hürden gibt.
Wenn Häckerlin eine Idee hat, durch deren Verwirklichung er vermutet, dass die elterlichen Rückmeldungen nach kommenden 3 Monaten umschwenken würden zu: zwei Dritteln “bin mit den Schulen toll zufrieden!”, wäre schön, wenn er diese mitteilen würde.

Die Zufriedenheit der schulischen Kundschaft (der Schüler*innen, der Eltern, der Wirtschaft, der Universitäten) lässt sich nicht mit einer einzigen Maßnahme erhöhen. Zuerst sind die drei wichtigsten Defizite zu erkennen und zu benennen. Darauf hat die “große Anstrengung” zur Behebung dieser Mängel zu folgen. Am Beispiel des Digitalen: Es gibt im Land bereits gute Beispiele an den Schulen. Sie zu kennen und zu bewerten wäre das Erste gewesen. Dann hätte man die geeignetste Lösung allen Schulen verordnet. Für das Technische (Geräte und Support) stehen reichlich Mittel und genügend IT-Spezialisten bereit. Eine hochkompetente Softwarefirma hat inzwischen “Ella” erfolgreich installiert. Fürs Didaktische gibt es eine große Gruppe fähiger Kolleg*innen. Ihre Modelle stehen allen übers Landesbildungsnetz zur Verfügung. Die Landesregierung hat inzwischen das Schulgesetz und die relevanten Verordnungen der neuen Situation angepasst. Das alles hätte in einem halben Jahr geleistet werden können. Wer Corona-Verordnungen über Nacht erstellen kann, dem hätte es auch möglich sein müssen, das Schulsystem in Sachen digitalen Unterricht binnen weniger Monate zu reformieren.

Beispielhafte Antwort: Dass “Ellla” bereits erfolgreich installiert wurde, erscheint mir als Irrtum/Wahn.
Morgen haben wir einen pädagischen Tag zur Implementierung digitalen Unterichts und der Ermöglichung, körperlich abwesende Schüler*innen teilhaben zu können (Hybridunterricht).
Entscheidende Faktoren sind, wie auch bei Handeln in der Corona-Epidemie, nicht die materiellen Ressourcen, sondern personalen: die Bereitschaft zur Kompetenzentwicklung bei den Mirarbeiter*innen.

Ella ist gescheitert, weil die Planung utopisch war und es der beauftragten Firma an der nötigen Kompetenz fehlte. Aber warum soll, was in vielen fortschrittlichen Ländern bereits Realität ist, nicht auch in Baden-Württemberg irgenwann gelingen. Selbst der BER arbeitet nunb ereits mehrere Tage. Aber natürlich ist der Gedanke tatsächlich kühn, dass Ella in absehbarer Zeit zur Verfügung steht. Vielleicht sollte man sie umtaufen.

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