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Zerbröselnde Kirchen

Für die katholische Kirche kommt es gerade knüppeldick. Solide Gutachten weisen nach, in welch laxer Weise man intern mit Kinderschändern umgegangen ist. Man kann das ja verstehen: Die Kirche lebt schon immer vom Corpsgeist und von ihrer moralischen Exklusivität. Letztere pflegt man durch große Worte, Ersteren durch das Schweigegebot. Wer redet, wird bestraft. Wer das Nest beschmutzt, fliegt raus. Keiner verkörpert das so überzeugen wie der ehemalige Papst. Er ist der Vollkommene schlechthin, einer, der nie Fehler gemacht hat, eine Ikone der Moralität. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, leugnet er jegliche Verstrickung ins moralisch Minderwertige. Das hat Ähnlichkeiten mit Russland, das zwar alle möglichen Schweinereien anstellt, aber nie zugibt, daran beteiligt zu sein. Gespannt sein darf man, was die Kirche mit den 100 anstellt, die sich gestern als nicht heterosexuell geoutet haben. Ihnen müsste eigentlich gekündigt werden, weil die katholische Kirche derlei Gott nicht wohlgefällige Schweinereien nicht akzeptieren kann. Die Verdrossenheit der katholischen Gläubigen angesichts der schlechten Performanz ihrer Kirche sei auf einem neuen Höhepunkt angekommen. Und wo stehen die Evangelischen? Auf sie färbt das schlechte Image ihrer katholischen Brüder und Schwestern ab. Kirche ist Kirche. Die Austrittszahlen sind hoch. Was tun? Die Geschichte aussitzen? Weitermachen wie bisher? Aber auch dieses Bisher hat etwas Trübseliges. Gottesdienst mit Maskenpflicht und dem Hinterlassen der persönlichen Daten, Sitzen auf Abstand und Vermeiden jeden Gesprächs post festum, Predigten, die sich um die brennenden Fragen herumdrücken … Wo ist der neue Geist, der große Aufbruch, das Beschreiten neuer Wege, das ständig beschworen wird? Statements der Kirchenleitungen zu Corona, Klima, der Spaltung und der geistigen Verödung unserer Gesellschaft schaffen es nicht einmal in die Tagesschau. Denn so ist es nun mal: Was nicht zur Topmeldung wird, bleibt ohne Wirkung. Was bleibt: das Zuschauen beim Zerbröseln der Kirchen.

Eine Antwort auf „Zerbröselnde Kirchen“

Ich hoffe, ich laufe in der Interpretation des Sinnes dieses Portals hier nicht fehl, wenn ich annehme, dass es dem sachlichen Diskurs dient – auch wenn ich bislang wenig Teilnahme von außen feststellen konnte.
Gleichwohl: Der Häckerling’sche Beitrag geht (mir) in keiner Weise weit genug. Mehr noch: Auch nach nochmaligem Lesen des die evangelische Kirche betreffenden Absatzes komme ich eher zu der Wahrnehmung, dass die evangelische Kirche als unbeteiligt dargestellt werden soll.
Dies aber hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun.
Denn während die katholische Kirche seit inzwischen mehr als zehn Jahren reichlich unbeholfen, um nicht zu sagen inkompetent um die richtige Form der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in ihren Reihen ringt, interessiert sich für die evangelische Kirche offenbar niemand. Und das, obwohl es auch dort nachweislich Fälle gegeben hat.
Laut EKD wurden den Anerkennungskommissionen der Landeskirchen bislang 881 Fälle (Stand: Herbst 2021) sexualisierter Gewalt gemeldet, die sich ab den 1950er Jahren im Raum der evangelischen Kirche und der Diakonie ereignet haben. Dabei stammt laut EKD die große Mehrheit der Fälle aus dem Kontext der Heimerziehung. Das hat die Kirche bislang gut 80 Millionen Euro an direkten Entschädigungen und Einzahlungen in zweckgebundene Fonds und Stiftungen gekostet.
Soviel also zum Thema des sexuellen Mißbrauchs in der evangelischen Kirche.
Aber meines Erachtens kann es das, wenn man schon von zerbröselnden Kirchen schreibt, nicht gewesen sein.
Es geht schließlich nicht nur um die Heuchelei und die Verbrechen einzelner Gestalten, und auch nicht nur in der katholischen Kirche. Ich habe mich in den letzten zwei, drei Dekaden aus unterschiedlichen Gründen mit verschiedenen “Kirchenorganisationen” befasst, nämlich der katholischen, neuapostolischen (früher katholisch-apostolische), der griechisch-orthodoxen Kirche und nicht zuletzt mit der “Church of Jesus Christ of latter-day Saints” (umgangssprachlich als die Mormonen bezeichnet).
Alle diese Organisationen, anzunehmenderweise einschließlich der Gesamtheit der episkopalen Kirche, gelangen in ihrer moralischen Zerrüttung in der Tat noch nicht einmal über die Hürden des ersten Gebotes.
Mal weniger, mal viel stärker ausgeprägt geht es in all diesen, beinahe militärisch strukturierten, Organisationen nur um Macht, Pomp und Geld – um fast nichts anderes. Und wer sich einmal mit wachem Verstand vor Augen führt, mit welcher Selbstgefälligkeit, ja Selbstverliebtheit, sich die jeweiligen Kirchenoberen – egal, ob Papst oder Kardinäle, Patriarchen oder Metropoliten, Stammapostel oder Apostel, erste Präsidenten oder Hohepriester – sich von den Angehörigen dieser Kirchen huldigen und beweihräuchern lassen (und nebenher noch ein opulentes Leben führen …), der muss zwangsläufig, wenn nicht vom Glauben, dann aber zumindest von der Kirche abfallen.
Und das geschieht zumindest in Deutschland gerade zunehmend. Endlich.

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