Er hat das Buhen – soll man sagen „stoisch“? – über sich ergehen lassen. Es war die Folge einiger unangenehmer Aussagen, die das Gemüt der Gewerkschafter in Wallung gebracht haben. Merz täte allerdings gut daran, seine Aussage, dass alle zusammenwirken müssen, wenn es mit der Reform des Wirtschaftsstandorts Deutschland vorankommen soll, mit Taten zu belegen. Er sollte sich nicht länger dagegen sperren, auch den Wohlhabenden, den Staatsdienern, Ruheständlern, den Autofahrern und den Erben etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Woher soll das Geld für die „Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen“ sonst kommen? Der Eindruck, er wolle seine Klientel aus wahltaktischen Gründen schonen, darf keinesfalls aufkommen. Wenn „alle“ ihren Beitrag leisten müssen, dann sollen es auch alle tun. Wenn die Führung des DGB meint, man könne den jetzigen Sozialstaat weiterhin finanzieren, ohne den eigenen Mitgliedern etwas zuzumuten, dann irrt sie. Man kann und darf natürlich laut buhen, wenn der Kanzler spricht, und damit seinen Unmut zeigen. Aber es zeugt von wenig Einsicht in die Notwendigkeiten. Weder Merz noch Bas sind den Gewerkschaften verpflichtet, sondern dem „ganzen deutschen Volk“. Das haben sie geschworen. Dabei sollte es auch bleiben. Dass die Arbeitnehmervertretung nur die Interessen und die Geldbeutel ihrer Mitglieder im Auge hat, muss man ihr nachsehen. Dass sie diese Interessen rücksichtslos durchzusetzen vermag, hat sie oft genug bewiesen. Aber dass sie für ihre Streiks auch noch die Sympathie von uns anderen erwartet, ist weltfremd. Man darf gespannt sein, ob die Regierung ihre (hoffentlich ausgewogenen) Reformvorhaben angesichts der zu erwartenden Proteste weichspült oder ob sie sich vom Wohl des ganzen Landes leiten lässt und ihre Pläne gegen allen Widerstand „durchboxt“.
Kategorie: Gewerkschaft
Kriselnder Autokonzern
Eigentlich hätten sie wissen müssen, dass sich das Klimaproblem nicht mit einer kriminellen Software lösen lässt. Wenn man nur den Anschein erweckt, die CO2-Emissionen senken zu wollen, es aber nicht wirklich tut, wird das irgendwann offenbar. Also blieb VW nichts anderes übrig, als sich dem Thema E-Auto zu nähern. Das geschah widerwillig und zögerlich, aber weil die übrige Welt dem deutschen Sonderweg („Verbrenner-Autos sind die besten“) partout nicht folgen will, muss nun halt auch Volkswagen Fahrzeuge mit Batterien bauen. Es gibt sogar schon welche. Sie heißen nicht „Golf“ oder „Polo“ oder „Passat“, sondern tragen den abstoßenden Namen „ID“ und irgendeine Nummer. Diese Autos sind sehr teuer und werden daher nicht „vom Volk“ gekauft. Das will billigere E-Autos, notfalls auch kleinere. Das hat man jetzt auch in Wolfsburg erkannt und will 2027 (in drei Jahren!) einen solchen Kleinwagen auf den Markt bringen. Auch er wird leider „ID“ heißen. Bis dahin wird der Autokonzern unter den zurückgehenden Verkäufen von Verbrenner-Autos leiden. Und „leiden“ heißt: weniger Geld verdienen. Und was macht man mit den überzähligen Arbeitskräften? Man möchte sie entlassen, aber bei VW ist die Gewerkschaft so stark, dass Entlassungen nicht durchsetzbar sind. Also müsste man die (überhöhten) Löhne senken. Aber das wird die Gewerkschaft auch nicht erlauben. Sie hat bereits gefordert, die Löhne um 7 % zu erhöhen. Häckerling sieht VW auf einem, an dessen Ende die Insolvenz stehen wird. Aus Umweltgesichtspunkten ist das zu begrüßen: Es werden weniger Autos gebaut und verkauft. Das bedeutet, dass die schädlichen Emissionen sinken. Das Erreichen des 2,5-Grad-Ziels rückt näher. Danke VW.
Denkender Gewerkschaftler
Da muss ich wohl mit einer Trigger-Warnung beginnen: Dieser Text enthält Formulierungen, von denen sich Personen getroffen fühlen könnten. Auch der Eindruck, dass eine ganzer Landstrich kritisch betrachtet wird, ist nicht auszuschließen. In der heutigen Zeitung steht, dass der Gewerkschaftler W. gestern gesagt habe, ihm sei ein Denkfehler unterlaufen. Er habe gedacht, im Kompromissvorschlag der Vermittler im Bahnstreik stehe etwas, was ihm nicht gefällt und ihn berechtigt, die Verhandlungen mit der Deutschen Bahn abzubrechen. Nun lernt man schon in der Schule: Nicht was man sich denkt, steht in einem Text, sondern was die Sätze zum Ausdruck bringen. Es handelt sich bei W.s „Fauxpas“ also nicht um einen Denk-, sondern um einen Lesefehler. Da der den Grund für die sadistischen Streiks der GDL liefert, stellt sich die Grundsatzfrage: Kann der Mann überhaupt lesen? Eigentlich waren die Schulen, in denen er das Lesen gelernt hat, so gut, dass sie den Kindern das Lesen beibringen konnten. Hat W. zu oft im Unterricht gefehlt? Nun gibt es bekanntlich einen Zusammenhang zwischen dem Lesen und dem Denken. Wer das eine nicht beherrscht, hat mit dem anderen Probleme. Was denkt sich der Denker W, eigentlich, wenn er das Ziel verkündet, die Bahn zu ruinieren, indem er ihre Kunden verärgert? Ich denke, er ist ein Egomane, der sich ein „Denkmal“ setzen will als Zerstörer des Bahnverkehrs. Damit versetzt er auch denen einen Schlag, die des Klimawandels wegen auf den Schienenverkehr umsteigen wollen. Aber dort, wo W. zu Hause ist, denkt man mehrheitlich anders: Der Klimawandel ist für viele Menschen im Osten ein kapitalistisches Phantom, von dem sie sich nicht beeindrucken lassen. Bekanntlich sind dort auch jene in der Mehrheit, die den russischen Krieg in der Ukraine befürworten. Es ist schon bedrohlich, wenn derlei Gedanken in immer mehr Köpfen wuchern.