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Mediales Analphabetentum

Ein Gespenst geht um in der Welt: der naive Glaube an die Wahrheit von Posts in den sozialen Medien. Wenn die Zahlen stimmen, sind sie besorgniserregend. Dass nämlich rund ein Viertel der Bevölkerung anfällig ist für Unwahrheiten, für erfundene Theorien und dümmliche Weltdeutungen. Dass Menschen für wahr halten, was längst als falsch entlarvt wurde. Wir könnten mit dem Finger auf die USA zeigen, wo ein Präsident verkündet, er habe eine Wahl gewonnen, die er verloren hat, wo ihm Anhänger blindlings folgen und auch vor Gewalttaten nicht zurückschrecken. Aber wenn es bloß im bildungsdefekten Amerika so wäre, könnten wir uns entspannt zurücklehnen. Aber es soll auch bei uns Menschen geben, die sich als Virus-Leugner bekennen, die hinter der Pandemie eine Weltverschwörung wittern und im Impfen den Versuch, uns genetisch zu verändern. Es gibt auch Leugner des vom Menschen gemachten Klimawandels. Es gibt Antisemiten, die hinter allem, was derzeit an Ungutem geschieht, das Weltjudentum als Akteur sehen. Derlei Zeug wird allenthalben verbreitet. Und es wird geglaubt. Es ist Zeit für eine PISA-Studie, die sich der medialen Dummheit annimmt. Hat die Schule versagt? Haben wir mediale Analphabeten herangezogen? Ein Korn Wahrheit steckt darin. Die mediale Bildung ist rudimentär. Wir haben zu wenig Kompetenz im Umgang mit medialer Desinformation vermittelt. Wir haben zu wenig darauf geachtet, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, bei Informationen die Spreu vom Weizen zu trennen, Falsches von Richtigem zu unterscheiden, guten und schlechten Journalismus auseinanderzuhalten. Die Kultusministerkonferenz, von der man derzeit fast nichts hört, hätte hier eine systemrelevante Aufgabe.

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Kurzer Piks

Das Wort des Tages ist ein Rechtschreibproblem. Auf der ersten Seite der Kreiszeitung vom 28. Dezember findet man zwei Schreibungen des gleichen Substantivs: „Piks“ und „Pieks“. Das ist verwirrend, zumal es das Wort bisher laut Wörterbuch gar nicht gegeben hat, es sich also um eine Neubildung handelt. Wenden wir uns also dem Verb zu: Schreibt man „piken“ oder „pieken“ oder gar „pieksen“. Letzteres, ist zu lesen, sei umgangssprachlich. Bleibt also das Problem, ob das Verb mit „i“ oder „ie“ zu schreiben ist. Da das „i“ lang (gedehnt) zu sprechen ist, läge „ie“ nahe. Aber das meistgekaufte Rechtschreibbuch deutscher Sprache ist für „piken“ und hält „pieken“ für falsch. Der Grund: es handle sich um eine Ableitung von „picken“. Aber woher kommt dann der lange Vokal? Die Frage ist, zugegeben, nicht lebenswichtig und nicht einmal für das Rechtschreibsystem relevant. Sie zu klären bleibt noch viel Zeit, denn es wird noch lange dauern, bis alle, die es wollen, geimpft sein werden. Jeder kann am eigenen Leib spüren, ob der Piks oder Pieks lang oder kurz war. Ob er weh tat oder kaum wahrnehmbar war. Wobei eine andere Frage noch wesentlicher ist: ob er etwas genützt hat. Denn die Unke Karl spricht von erwartbaren Mutationen des Virus, gegen die der Impfstoff nichts ausrichten werde, weil es resistent dagegen ist. Man könnte den Wettlauf zwischen dem C-Virus und der Pharmaindustrie sportlich sehen. Aber der Ernst der Lage verbietet jede Heiterkeit. Lassen wir uns also impfen und halten wir das Piken oder Pieken aus.

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Überforderte Verwaltungen

Rasch sind die Politikerinnen und Politiker mit dem Wort, doch auf der administrativen Ebene stoßen die Realitäten hart aufeinander. Das musste jetzt sogar der zweite Aufsteiger des Jahres (neben dem Gesundheitsminister), der bayerische Ministerpräsident, unerwartet erfahren. Dass man für Massentests nicht nur massenhaft Tests braucht, sondern auch Menschen, die sie durchführen und vor allem ein durchdachtes System der Kommunikation, das wissen Regierende im Prinzip schon. Aber sie delegieren solche Aufgaben gerne „nach unten“. Und wenn es dort unten auf den Falschen bzw. die Falsche trifft, dann ist der Schlamassel da. Der hat natürlich auch einiges mit der deutschen Wirklichkeit zu tun, täglich zu erleben bei Restaurantbesuchen oder beim Eintritt in Bibliotheken. Dort stehen hübsche Bistro-Tischchen. Darauf lagert eine Einführung in die Hygienevorschriften. Zu ihnen gehört auch das Ausfüllen eines Formulars, in das der Name, der Wohnort, die E-Mail-Adresse oder die Telefonnummer einzutragen ist. Die Eintragung erfolgt mit dem bereitgelegten Kugelschreiber. Sollte nun tatsächlich eine Infektion auftreten, muss jemand die zahlreichen Zettel sichten, sich mit Unleserlichem abmühen, die Namen in neue Listen übertragen und hoffen, dass es sich bei den Eintragungen um nichts Erfundenes handelt. Die armen Tester in Bayern sollen derzeit 44000 Zettel durcharbeiten und Listen erstellen, von denen Häckerling inständig hofft, dass sie datenbanktauglich sind. In einem Land, wo Bleistift und Kuli den Höhepunkt digitaler Nutzung darstellen („digitus“ ist ein lateinisches Wort und heißt „Finger“), ist das nicht selbstverständlich. Wie schön wäre es, wenn Politiker nicht nur große Aktionen anleiern würden, sondern sich auch um den Fortschritt im Kleinen kümmerten.