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Gebremste Religion

Es gibt nur wenige Ereignisse, bei denen christlich geprägte Menschen etwas von ihrer Kirche erwarten: Geburt, Hochzeit, Krankheit und Tod. Wenn ein Kind ins Leben tritt, kann den Angehörigen durch dessen Taufe vermittelt werden, dass dieses Wesen nicht ihr Eigentum ist. Eine kirchliche Trauung sagt dem Paar, dass es nicht einfach so zusammenlebt, sondern in einem Sinnzusammenhang steht. Bei einer ernsthaften Erkrankung kann die Erkenntnis helfen, dass man nicht nur dem medizinischen Apparat ausgeliefert ist, sondern sich in einem Größeren geborgen wissen darf. Führt die Krankheit mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Tode, ist es gut, wenn Worte des Trostes und der Zuversicht dem Sterbenden das Gefühl vermitteln, dass sein Leben und damit auch sein Tod einen Sinn haben, der nicht mit seiner Lebensleistung identisch ist. In den letzten Wochen sind Menschen an einem Virus erkrankt, das mit dem Attribut „neuartig“ versehen ist. Neu ist offenbar, dass sich alle vor ihm schützen wollen, auch die Pfarrer und Priester. Das ist einerseits zu verstehen. Wer steckt sich schon gerne an? Aber die Folge war, so ist zu hören, dass die Geistlichen Kranke und Sterbende gemieden haben und einige ohne den Trost der Religion gestorben sind. Das ist traurig. Man fragt sich, ob es nicht zum Beruf des Krankenhausseelsorgers gehört, mit den Risiken einer Ansteckung zu leben. Sollte es tatsächlich keine Möglichkeit gegeben haben, die Ausübung des Berufs (oder der Berufung) möglich zu machen? Auch die Pflegenden in den Kliniken und Heimen sind gefährdet, aber sie arbeiten trotzdem. Zu den Zahlen, die nach der Seuche zu erheben sein werden, wird auch jene gehören, wie viele Menschen ohne geistliche Begleitung geblieben sind, obwohl sie eine wollten.

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Politik

Gehemmter Informationsfluss

In einer Gesellschaft, die in Informationen schier ertrinkt, fühlt man sich schnell desinformiert. Die baden-württembergischen Schulleiter beklagen heute in der Zeitung dieses Los. Sie fühlen sich von ihrer Führung nicht wertgeschätzt, weil sie schulische Neuigkeiten aus den Medien erfahren und nicht von der Schulverwaltung. Nun ist Häckerling alt genug, um zu wissen, dass dies schon immer so war. Der Kanal zwischen dem Ministerium und der Schulleitung war noch nie sonderlich belebt. Statements der Vorgesetzten in der Presse, im Fernsehen und Interviews im Rundfunk sind die traditionellen Wege, schulische Neuigkeiten zu verbreiten. Das hat einen einfachen Grund: Die Öffentlichkeit ist der Resonanzkörper der Politik, die Medien sind die Verbreiter ihrer Pläne. Die Schulen, deren Leitungen und die Kollegenschaft, sind nachgeordnete Behörden, ausführende Organe, weisungsgebundene Institute, die gefälligst zu warten haben, bis Ihnen Dienstanweisungen zuteilwerden. Minister (und Ministerinnen) sind schnell dabei, etwas zu verkünden, die Verwaltung braucht geraume Zeit, bis sie diesen raschen Sätzen zu folgen vermag, denn flott Gesagtes verwaltungsfest zu verschriftlichen, das braucht seine Zeit. Wenn sich unsereins recht erinnert, bedurfte es vor Ort selten der behördlichen Anordnung, denn fürs Leiten einer Schule genügt meist der gesunde Menschenverstand. Der Gehorsam gegenüber den Weisungen der Vorgesetzten ist wichtig, aber eher nachrangig. Wer vermittelt den Schulleitern von heute diese alte Erfahrung?

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Ungezügelte Ungeduld

Die Corona-Routine trügt. Zwar kann man sich das Fernsehprogramm ohne die täglichen Extra-Sendungen nach den Nachrichten, Talkshows ohne Virus-Diskussionen, den Samstag ohne Bundesligaberichte und die Aufmunterungen nach dem Muster „Bleiben Sie gesund“ kaum mehr vorstellen, aber man spürt trotzdem eine zunehmende Gereiztheit. Der tägliche Zahlenreport (Neuinfizierte, Tote, R-Wert) signalisiert Entspannung, aber die wird durch allerlei Drohungen („zweite/dritte Welle“) konterkariert. Eigentlich dürften Kinder wieder in die Kitas, aber selbst der sonst so sanfte Sindelfinger OB reagiert gereizt. Wie kann man ohne eine entsprechende Verordnung so etwas verantworten? Schuldzuweisungen haben Konjunktur. Täglich wird jemand identifiziert, der versagt oder die Krise beflügelt: den Gesundheitsämtern fehlt das Personal, die Virologen sind sich nicht einig, der Gesundheitsminister will die deutschen Menschen unterdrücken, der Finanzminister hat offenbar nur darauf gewartet, endlich die „Reichen“ zur Kasse bitten zu können, Bill Gates hat die Absicht, große Teile der Menschheit zu vernichten, die Chinesen haben uns das alles eingebrockt, Merkel muss weg, das RKI verwickelt sich in Widersprüche, Italien/Spanien/Griechenland stehen vor der Insolvenz und brauchen dringend Geld von uns, „die Politik“ ist schuld am Niedergang der Autoindustrie, der Kultur, des Tourismus, des Gesundheitssystems und damit an der steigenden Arbeitslosigkeit, Palmer will die Alten sterben sehen, die Grünen sind ratlos, die FDP agiert verantwortungslos … Der schwarze Peter kreist so schnell, dass man wirklich nicht mehr weiß, bei wem er gerade ist.