Basisdemokratische Exzesse

Die Sozialdemokraten machen uns vor, wie die demokratische Ordnung der Zukunft aussehen wird. Sie haben einen Parteitag darüber abstimmen lassen, ob ein Sondierungsergebnis es zulässt, in weitere Verhandlungen mit den Christdemokraten einzutreten. Über dessen Ergebnis soll dann ein Parteitag abstimmen. Den könnte man anschließend auch entscheiden lassen, ob die Verteilung der Ministerposten in Ordnung ist. Ich wundere mich auch, dass die SPD-Basis erst so spät ins Spiel kam. Hätte sie nicht zuerst die Entscheidung prüfen müssen, mit der CDU Sondierungsgespräche zu führen? Denn schließlich handelte ihr Vorsitzender da anders, als er es in seinem Zorn nach der Wahlniederlage angekündigt hatte. Schon damals, am Wahlabend, habe ich mich über Schulz gewundert. Durfte er sich überhaupt gegen eine neue große Koalition aussprechen, ohne seine Partei vorher zu fragen? Aber, gesetzt den Fall, das schwarz-rote Regierungsbündnis kommt zustande, wie sieht es danach mit der Beteiligung der SPD-Parteigenossen aus? Es werden vermutlich Gesetze entstehen. Und die dürfen dann einfach durch bloßen Parlamentsbeschluss in Kraft treten? Ohne dass die SPD-Basis vorher ihre Zustimmung zur Abstimmung über das Gesetz gegeben hat? Und geht es an, dass der Bundespräsident ein Gesetz unterzeichnet, ohne vorher die Mitglieder der SPD um Erlaubnis zu fragen? Und warum werden nur die SPD-Menschen vorher gefragt? Man muss uns doch alle beteiligen. Eine demokratische Teilhabe wäre per Demoskopie möglich oder in Form einer Debatte in den sozialen Netzwerken oder durch Volksabstimmung. Das wäre teuer, aber gewiss gut angelegtes Geld. Man sieht es ja an der Schweiz. Manchmal frage ich mich allerdings, warum wir überhaupt über 700 Abgeordnete wählen, wenn wir ihnen nichts erlauben, wenn wir ihnen nicht zumuten, ihren Auftrag als „Vertreter“ des Volkes zu erfüllen, sondern alle Entscheidungen selber treffen wollen.

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Historischer Augenblick

War Chamberlain naiv, weil er glaubte, bei der Konferenz in München (1938) den Frieden gerettet zu haben? Harris beschreibt den britischen Premierminister als einen Mann, dem die Vermeidung eines Krieges in Europa so wichtig war, dass er Hitler sogar in der Sudetenfrage weit entgegenkam. Dabei waren die Eroberungspläne des deutschen Diktators nicht nur unter Insidern bereits bekannt. Harris erfindet für seine Geschichte zwei Repräsentanten ihrer Länder, zwei Freunde aus Studententagen, den Briten Hugh Legat und den deutschen Aristokraten Paul von Hartmann. Sie nehmen als Delegierte an der Münchener Konferenz teil. Das bietet dem Erzähler die Möglichkeit, den Leser hinter die Kulissen der offiziellen Politik blicken zu lassen. Von Hartmann gehört zu einer Gruppe von Hitler-Gegnern. Er benutzt Legat als „Briefträger“. Ein geheimes Dokument soll beweisen, dass Hitler keinen Frieden will. Aber der Versuch, das Münchener Abkommen zu verhindern, scheitert. Chamberlain wehrt sich gegen diese Information, die seine Mission in Frage stellt. So kommt es zu der berühmten Wochenschauszene, in der er ein Papier schwenkt, das den Frieden sichere. Chamberlain wird dafür weltweit bejubelt. Dass der britische Premierminister selbst Zweifel am Erfolg des Abkommens hatte, deutet der Erzähler an. Harris gelingt es, die Spannung dieser Septembertage lebendig zu vermitteln. Die Fakten hat er wie immer sorgfältig recherchiert. Wir Heutigen wissen, dass die Weltgeschichte anders weiterging, als Chamberlain (und die damalige Welt) es sich erträumte. Die Katastrophe, die ein Jahr später begann, hätte nicht sein müssen. (Robert Harris: München. Roman 2017. Verlag Heyne)

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Frontaler Unterricht

Die baden-württembergischen Christdemokraten erwägen, den Frontalunterricht als Lehrmethode per Dekret festzuschreiben. Wie verzweifelt müssen diese Schulpolitiker sein, dass sie auf solche Ideen kommen. Sie glauben, dass dem „selbstorganisierten Lernen“, das sie offenbar für die hiesige Bildungsmisere verantwortlich machen, etwas entgegengesetzt werden müsse. Allerdings übersehen sie in ihrem Furor gegen Methoden, die auf die Eigenverantwortung der Schüler setzen, zweierlei: Erstens hebeln sie damit den Paragrafen 38 des Schulgesetzes aus, der den Lehrkräften die „unmittelbare Verantwortung“ für das Unterrichtsgeschehen zuweist, und dazu gehört nun mal die Entscheidung über dessen methodische Gestaltung. Zweitens soll hier etwas beschlossen werden, was es eh reichlich gibt. Der Frontalunterricht ist – man kann das behaupten, auch wenn es keine aktuellen Zahlen gibt – eher der Normal- als der Ausnahmezustand in den Klassenzimmern. Er wird von vielen kritisiert und nun von der CDU herbeigewünscht. Dabei verhält es sich mit dem Frontalunterricht wie mit allen Unterrichtsformen, mögen sie Gruppen- oder Projektarbeit, Stillphase oder eigenständiges Recherchieren heißen – es kommt darauf an, wie man sie gestaltet: Ein Unterricht, bei dem die Lehrkraft vorne agiert, kann erfolgreich sein oder misslich. Er kann die Schüler interessieren oder einschläfern. Er kann in langweilige Lehrermonologe ausarten oder zu kontroversen Diskussionen führen. Gute Ratschläge für einen erfolgreichen Frontalunterricht gibt es reichlich. Auch in den Seminaren wird dazu einiges vermittelt. Liebe CDU: „si tacuisses …“. Aber die Rettung des Lateinunterrichts wäre ein anderes Thema.

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